Ben Lerner, als neues Juwel der amerikanischen Literatur bekannt, behandelt in seinem Roman «Transkription» eine wesentliche Gegenwartsfrage. Der Text ist inhaltlich dicht und erfreulich zu lesen.
Das persönlichste Missgeschick ereignet sich, wenn das Smartphone den Geist aufgibt. Das Display verblasst, seine fiebrigen Bilder verschwinden im Nichts. Sind die gespeicherten Nachrichten und fotografischen Erinnerungen verloren? Im Hotel erleidet der Protagonist von Ben Lerners Roman ein solches Schicksal: sein Handy stürzt ins Waschbecken. Der zersplitterte Bildschirm lässt Wasser eindringen, jedes Neustartversuch scheitert.
Geboren 1979 in Topeka, Kansas, gilt Ben Lerner als der neue Stern am Literaturhimmel. Seine Romane, Essays und Lyrik behandeln zeitgenössische Fragen auf höchstem Niveau, ohne sich intellektuell zu versteifen. So auch dieses Werk, das mit seiner inhaltlichen Dichte eine kunstvolle Handlungsökonomie zeigt. Auf 160 Seiten ist der Lesespaß ungebremst.
Der Protagonist erkennt schnell: Ohne Handy verliert er seine Identität. Sein bisher digitalisiertes Ich fühlt sich entwurzelt, da die technische Scheinwelt ihm realer erschien als die wirkliche Welt. Der nächste Apple-Store öffnet erst am nächsten Morgen. Die Lage wird noch komplizierter, da der Erzähler in Providence ist, um ein Interview mit seinem ehemaligen deutschen Mentor Thomas zu führen.
Thomas gilt als visionärer Denker, dessen Fähigkeit zur Synthese von Kunst, Kultur und Technik bewundert wird. Auch Lerners Figur teilt viele Gemeinsamkeiten mit ihm. Mangels Handy kann das Interview nicht aufgenommen werden. Thomas benutzt nur ein Festnetztelefon, während in seinem Wohnzimmer analoge Medien stapeln.
Unter den Zeitschriften und Büchern findet sich auch Werke des verstorbenen deutschen Denkers Alexander Kluge, mit dem Lerner einen rege geführten Austausch hatte. Kluges Fähigkeit, kulturhistorische Zusammenhänge zu vermitteln, spiegelt sich in Lerners Porträt von Thomas wider. Das Interview soll ein Vermächtnis sein.
Der Journalist täuscht vor, das Gespräch aufzunehmen und notiert später die Erinnerungen an die Monologe – daher der Titel «Transkription». Ist das gedruckte Interview echt oder ein «Deepfake», wie ihm von der akademischen Welt vorgeworfen wird?
Lerner spielt in seinem übersetzten Roman brillant mit Wirklichkeitsebenen. Es geht um den Einfluss des Digitalen auf unser Weltbild, politisch und privat. Die Beziehung zwischen Erzähler und Thomas offenbart verwickelte Geschichten.
Der Erzähler war für seinen Mentor wie ein Sohn, was den echten Sohn Max emotional kalt lässt. Analoge Kommunikationsversuche durchziehen das Buch, ähnlich flüchtigen App-Meldungen im Funkgebiet. Was geschieht auf dem Weg von Sender zu Empfänger? “Die Luft wimmelt von Botschaften. Von Boten und Engeln.”
Kluge zeichnete in seinen Werken das Stimmengewirr einer Epoche nach, sah darin die Geister der Vergangenheit. Lerner vermag das ebenfalls. Seine medientheoretische Frage betrifft das Gespenst der Wahrheit: wäre ein digitales Interview mit Thomas wahrer als ein persönlich erinnertes?
Das Buch «Transkription» fasziniert durch Bilder, besonders in den Passagen über Leopold Blaschkas Glasblumen aus dem 19. Jahrhundert im Harvard Museum of Natural History. Die zarten künstlichen Blütenkelche wirken fast wie sensible Lauschinstrumente, während ein Mobiltelefon daneben plump erscheint.
Ben Lerner: Transkription. Roman. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026. 160 S., Fr. 35.90.