In vielen Museen hängen Gemälde, die während des Nationalsozialismus jüdischen Besitzern von den Nazis geraubt wurden oder unter Zwang verkauft werden mussten. Inzwischen wird in vielen Institutionen die Herkunft solcher Kunstwerke untersucht, um sie gegebenenfalls den rechtmäßigen Erben zurückzugeben.
Der jüngste Fall betrifft ein Gemälde von Ferdinand Hodler mit dem Titel «Thunersee mit Blüemlisalp und Niesen». Die SKKG-Stiftung hat es nun an die Erben von Martha Nathan zurückgegeben. Diese Entscheidung könnte weitreichende Folgen haben, wie SRF-Redaktorin Ellinor Landmann berichtet.
Ellinor Landmann ist Kunstgeschichte-Absolventin der Uni Bern und seit 2003 als Kunstkritikerin sowie Kulturredaktorin für SRF 2 Kultur tätig. Seit 2013 leitet sie das Ressort Kunst.
Martha Nathan floh 1937 vor den Nationalsozialisten nach Nazi-Deutschland, fand aber erst 1939 in der Schweiz Zuflucht. Hier veräusserte sie 1941 ihr Hodler-Gemälde. Viele Geflüchtete verkauften ihre Sammlungen während dieser Zeit. Der Schweizer Kunstmarkt erlebte ab 1933 einen Aufschwung, zahlreiche Werke wechselten den Besitzer.
Die unabhängige Kommission der Stefanini-Stiftung argumentiert, dass das Bild zurückgegeben wird, weil Martha Nathan es verkaufen musste, um als wohlhabende Geflüchtete ihre Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz zu verlängern. Ihr Leid endete nicht an den Landesgrenzen.
Die Bührle-Stiftung hält dagegen: Nur Werke, die in Nazi-Deutschland oder besetzten Gebieten gestohlen wurden, seien problematisch. Verkäufe in der Schweiz seien freiwillig erfolgt und bedürften daher keiner Rückgabe.
Die Bührle-Stiftung besitzt ein weiteres Werk aus Nathans Sammlung: Claude Monets «Nachtessen», ebenfalls 1944 in der Schweiz verkauft. Warum das Bild nicht zurückgegeben wird, bleibt unklar, besonders da die SKKG ihr Hodler-Gemälde zurückgibt.
Die SKKG gilt als vorbildliche Institution, die ihre Sammlungen professionell erforscht und eine unabhängige Kommission für Rückgaben eingesetzt hat. Dies deutet auf einen umfassenden Ansatz hin, nicht nur bei gestohlenen, sondern auch bei unter Zwang verkauften Werken.
Diese Thematik wird voraussichtlich auf Bundesebene behandelt werden, wo die Kommission für historisch belastetes Kulturerbe bald beraten soll. Ob sie den Empfehlungen der SKKG folgen wird, bleibt abzuwarten.
Das Gemälde «Thunersee mit Blüemlisalp und Niesen» ist für eine Ausstellung in Hamburg im Herbst geplant. Es wird zudem eine Publikation erscheinen, sowie ein Podiumsgespräch organisiert werden.
Radio SRF2 Kultur, Rendez-vous, 4.5.2026, 12:30 Uhr; Ellinor Landmann