Bei den Lokalwahlen am 7. Mai könnte die Labour-Partei in England, Schottland und Wales eine harte Niederlage erleiden. Viele Wählerinnen und Wähler fühlen sich von Labour enttäuscht. Es ist wahrscheinlich, dass in England die Grünen und Reform UK sowie in Schottland und Wales nationalistische Parteien gewinnen werden. Michael Gerber berichtet seit Frühjahr 2022 als TV-Korrespondent für Grossbritannien und Irland. Vorher war er Koordinator der SRF-Fachredaktion Ausland und Sonderkorrespondent sowie von 2011 bis 2017 Korrespondent in Frankreich. Am Wahltag werden die lokalen Parlamente in 136 englischen Gemeinden sowie die Regionalparlamente in Schottland und Wales neu gewählt. Labour, die Gewinnerin der letzten Lokalwahlen im Jahr 2022, könnte diesmal erhebliche Verluste hinnehmen müssen und gemäß Umfragen bis zu drei Viertel ihrer Sitze verlieren. Ein bemerkenswertes Novum dieser Wahl ist das Aufkommen von Parteien am politischen Rand: Die Grünen sowie die rechtsnationale Reform UK könnten gewinnen, während die konservativen Tories nicht die Erwartungen erfüllen. Das traditionelle Parteiensystem zerfällt laut Beobachtung von Politikwissenschaftlern, da sich Wähler zunehmend von den etablierten Parteien abwenden und Proteststimmen eine größere Rolle spielen. Nigel Farage, Gründer von Reform UK, vertritt mit seiner “Britain First”-Politik die Ideen eines starken Zuwanderungsstopps. Die Partei profitiert von der Unzufriedenheit über Boris Johnsons Konservativen und Labours Sparpolitik im Sozialbereich. Unter dem neuen populistischen Führungspersonal Zack Polanski positionieren sich die Grünen als linke Alternative zu Labour. Sie fordern den EU-Wiederbeitritt, um Brexit-Frustrierte anzusprechen. Die wirtschaftlichen Herausforderungen und finanziellen Schwierigkeiten in Grossbritannien stärken nationalistische Parteien in Schottland und Wales. In Wales könnte Plaid Cymru Labour nach über hundert Jahren von der Spitze verdrängen, während die SNP in Schottland eine absolute Mehrheit anstrebt. Beide Regionen sind jedoch stark auf finanzielle Unterstützung vom Zentralstaat angewiesen.