Der Konflikt im Nahen Osten wirft seine Schatten weit über die Region hinaus, wie Patricia Danzi, Direktorin der Schweizerischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), betont. Durch den Anstieg der Preise für Energie und Lebensmittel gerät die Mittelschicht im globalen Süden zunehmend in Armut. Die finanziellen Turbulenzen treffen sowohl die ärmsten Bevölkerungsschichten als auch jene, die bisher unabhängig von humanitärer Hilfe lebten. Patricia Danzi, die seit 1996 beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) tätig war und zuletzt die Regionaldirektion Afrika leitete, wurde im Mai 2020 zur Direktorin der Deza ernannt. Im Interview mit SRF News erklärte sie: Die Preise steigen kontinuierlich, was in Ostafrika sowie in Ländern wie dem Libanon und dem Sudan zu einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage führt. Warum trifft es einkommensschwache Länder besonders hart? Danzi erläuterte: Solche Staaten können keine ausreichenden Reserven bilden oder Subventionen bereitstellen, um die Preissteigerungen zu kompensieren. Ein sofortiger Anstieg der Kosten für Energie und Dünger kann das Produzieren unrentabel machen, was oft eine Zunahme der Migration nach sich zieht. Die andauernden Konflikte im Nahen Osten könnten die Schweizer Soforthilfen erhöhen. Danzi betont: Die Deza prüft ständig, ob Anpassungen in den Hilfsmaßnahmen nötig sind und erwägt weitere Pakete für verschiedene Regionen. Ein weiteres Problem könnte darin bestehen, dass die reichen Golfstaaten als Geldgeber zurückfallen. Diese Staaten, die zuvor wichtige Entwicklungshilfe bereitstellten, könnten nun mehr in ihre Rüstung investieren und damit weniger Mittel zur Verfügung haben. Die globale Entwicklungshilfe hat 2025 einen historischen Einbruch erlebt. Danzi warnt: Die Reduzierung der Hilfsgelder wird zum Tod führen. Eine OECD-Studie zeigt, dass die Hauptgeberländer ihre Beiträge gleichzeitig gesenkt haben – ein noch nie dagewesenes Szenario. Besonders betroffen sind Bereiche wie Gesundheit und Ernährungssicherheit. Die Folgen sind bereits spürbar: Die Zahl der Hungernden steigt, und die Kindersterblichkeit bei Kindern unter fünf Jahren hat erstmals seit 15 Jahren wieder zugenommen. Danzi beschreibt, dass Kürzungen in der Entwicklungshilfe besonders für Frauen und Kinder in Krisengebieten verheerend sind. Berichte aus Gaza legen nahe, dass die Notlage zur Ausbeutung führt: Lebensmittel werden gegen sexuelle Dienste getauscht. Im Sudan wird sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe eingesetzt, wobei Frauen systematisch vergewaltigt werden. Mit der Reduzierung von Schutzprojekten und Hilfsgütern entstehen grausame Überlebensstrategien wie Zwangsprostitution oder Kinderheirat. Trotz dieser düsteren Realitäten bleibt Danzi optimistisch: Sie glaubt an die Menschlichkeit, selbst in den verzweifeltsten Situationen. Ihr Motto lautet: Indem jeder im eigenen Verantwortungsbereich das Beste tut, kann der Weg zu einer menschenfreundlicheren Welt geebnet werden. Das Interview führte David Karasek und wurde am 5. Mai 2026 auf Tagesgespräch ausgestrahlt.