Die Wertschätzung für Arbeit scheint zu schwinden, während Freizeit als Schlüssel zum Glück gilt. Die Diskussion um «Lifestyle-Teilzeit», geprägt von der deutschen CDU-Politikerin Gitta Connemann, zeigt den Wandel in der Work-Life-Balance. Mit dem Begriff wollte sie auf die zunehmende Neigung vieler Erwerbstätiger hinweisen, ihre Arbeitsstunden zugunsten freier Zeit zu reduzieren.
Obwohl Teilzeitbeschäftigung individuelle Vorteile bietet und es ermöglicht, dass mehr Menschen am Arbeitsmarkt teilnehmen – insbesondere junge Eltern –, stellt sich die Frage, ob der Staat Unternehmen zwingen sollte, jede gewünschte Reduktion des Pensums zu akzeptieren. In Deutschland gibt es bereits einen Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit. Connemann wollte diesen Anspruch einschränken, was starke emotionale Reaktionen auslöste und sie letztendlich zur Entschuldigung bewegte.
Eine Studie des Schweizerischen Arbeitgeberverbands (SAV) zeigt jedoch eine bemerkenswerte Entwicklung: Die Zahl der «Lifestyle-Teilzeitler» hat sich seit 2010 mehr als verdoppelt, obwohl die durchschnittliche Arbeitsstundenanzahl gesunken ist. Diese Entwicklung betrifft besonders privilegierte Gruppen mit hohem Einkommen und junge Hochschulabsolventen.
Die Motivation für Teilzeitarbeit liegt oft in der Freizeitoptimierung, was bei Schweizer Bürgern beliebter ist als bei Ausländern. Diese Entwicklung hat wirtschaftliche Konsequenzen: Mit jedem freiwilligen Verzicht auf Vollzeitbeschäftigung sinkt die Wirtschaftsleistung und damit auch die staatlichen Einnahmen.
Die demografische Alterung verschärft das Problem weiter, da die Zahl der Rentenempfänger steigt und sich die Beitragslast auf eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung verteilt. Der Staat reagiert mit höheren Steuersätzen und Lohnabzügen.
Die OECD berichtet in ihrem aktuellen Bericht über die gestiegene «tax wedge», also den Unterschied zwischen Bruttolohn und Nettoeinkommen, besonders in Deutschland. Die steigende Abgabenlast könnte auch durch eine 13. AHV-Rente weiter zunehmen, was möglicherweise zu höheren Mehrwertsteuern oder Lohnabzügen führen könnte.
Ein gesellschaftlicher Wandel im Arbeitsverständnis ist feststellbar: Früher arbeiteten Menschen in Europa und Amerika ähnlich viele Stunden. Heute zeigt sich ein Rückgang der Arbeitszeit, den Europa durch steigende Produktivität kompensiert hat – eine Entwicklung, die nun ins Stocken gerät.
Um die Beschäftigten zu motivieren, ihre Arbeitsstunden wieder zu erhöhen, könnte man ungünstige Anreizstrukturen beseitigen. Derzeit wird in der öffentlichen Debatte jedoch oft betont, dass der Stress im Job krank macht und viele Jobs sinnlos erscheinen.
Eine ehrliche Diskussion darüber, wie Arbeit zu Wohlstand beiträgt, ist notwendig. Viele Menschen finden Sinn und Selbstverwirklichung in ihrer Arbeit und leisten damit einen Beitrag zum Gemeinwohl. Der Trend zur «Lifestyle-Teilzeit» sollte daher als Teil dieser Debatte betrachtet werden.