Anfang Mai skandierten Dutzende Jugendlicher vor einem Scientology-Verwaltungsgebäude in Vancouver „Fuck Scientology“. Etwa zwei bis drei hundert Teenager hatten sich zu diesem Event eingefunden und versuchten, als Teil eines „Scientology Speedruns“ Zutritt zu erhalten. Diese Online-Herausforderung zielt darauf ab, aus der Ego-Perspektive zu filmen, wie weit man in ein Scientology-Gebäude vordringen kann, wobei jedes Stockwerk einem Level eines Videospiels entspricht. Seit Ende März verbreiten sich Videos solcher Speedruns im Internet. In der Schweiz gibt es ebenfalls Aufrufe für ähnliche Aktionen. Während Scientology in den USA von Hasskriminalität spricht, behaupten die Teilnehmer, das Geheimnis um die Organisation lüften zu wollen. Hugo Stamm, ein erfahrener Schweizer Journalist, der sich mit neureligiösen Bewegungen befasst, erklärt den Reiz: Scientology sei geheimnisvoll und aufgebaut wie ein Videospiel. Er beschreibt es als „Kursanbieter“, wo Kurse von hunderten bis tausenden Franken kosten können, und verspricht persönliches Wachstum sowie Unsterblichkeit in einem Levelsystem. Scientology sieht sich selbst als Religion mit mehreren Kirchen in der Schweiz. Stamm jedoch kritisiert die Verwendung des Begriffs „Kirche“ als irreführend und bezeichnet Scientology als „Psychosekte“, deren Fokus auf Geld und Macht liege. Sie spreche wissenschaftsaffine Menschen sowie Unternehmenschefs an. Während in den Religionswissenschaften die Bezeichnung „Sekte“ vermieden wird, betrachten viele Organisationen wie Scientology als „neue religiöse Bewegungen“. Diese grenzen sich von der Mehrheitskultur ab und bieten einen alternativen Lebenssinn. Stamm hofft, dass dieser Social-Media-Trend eine aufklärende Funktion hat und zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem kostenintensiven Kursangebot führt. Jürg Stettler, Sprecher von Scientology Schweiz, sieht in der Publicity zwar einen Nutzen für das Interesse an der Organisation, betont aber die Problematik bei unangemeldeten Gruppenbesuchen. Während Scientology sich selbst als schnell wachsende Religionsgemeinschaft bezeichnet, zeigt Stamm auf, dass dies eher Wunschdenken ist. In den letzten Jahren hat sie in der Schweiz deutlich an Anhängern verloren. Trotzdem bleibt die Organisation offen für interessierte Besucherinnen und arbeitet mit der Polizei zusammen, um Hausfriedensbruch zu verhindern.