Der Eurovision Song Contest zieht nächste Woche wieder Millionen vor die Bildschirme, und selbst die ETH Zürich beschäftigt sich nun mit ihm. Der Frühling bringt nicht nur das Sprießen von Blumen mit sich, sondern auch eine Art Geschmacksverwirrung, die Menschen dazu bringt, Töne zu hören, die sie sonst meistens ablehnen würden. In der zweiten Maiwoche locken die Songs des ESC Millionen an, obwohl die Musik oft als schlecht empfunden wird.
So stößt man auf die bulgarische Eurotrash-Maschine mit ihrem brüllenden Refrain oder den schreihaltigen Gesang der Kroatinnen. Die Französin beginnt ihre Schmerzensarie, während eine Finnländerin ihre Geige quält und ein Italiener eine abgestandene Ballade darbietet. Auch die Schweizerin mit ihrer E-Gitarre könnte in den Neunzigern auf einer Kuschelrock-CD zu finden gewesen sein.
Trotz der merkwürdigen Töne hat der ESC nun auch wissenschaftliche Beachtung gefunden: Die ETH Zürich analysierte 1800 Lieder vom ersten Wettbewerb 1956 bis heute. Ein deutlicher Trend zeigt eine Homogenisierung mit mehr englischen Texten und tanzbarer Musik, was als “Rote-Königin-Effekt” bezeichnet wird – ähnlich wie Alice in Lewis Carrolls Buch, die rennen muss, um am gleichen Fleck zu bleiben. Dies bedeutet für den ESC, dass gewisse Elemente zwar notwendig sind, aber nicht unbedingt zum Sieg führen.
Eine andere Strategie ist der Nonsens: Griechenland entschied sich dieses Jahr dafür, und Estland erreichte letzten Jahres mit einer ähnlichen Parodie Platz drei. Die schlechte Qualität vieler ESC-Musikstücke liegt oft am unbekannten Personal, das von Fernsehstationen betreut wird – Unternehmen, die eher Bürokratie als Kreativität fördern.
Dennoch kann der Contest unterhaltsam sein, besonders durch den “Camp”-Aspekt: eine Spielart des Ästhetizismus, die uns mit dem Grotesken vertraut macht. Susan Sontag beschreibt Camp als bejahten Kitsch, der Mängel zu Freudenquellen werden lässt.
Neben Camp spielt auch Patriotismus eine Rolle: Viele Fans unterstützen Musiker wegen ihrer Herkunft, obwohl sie ihnen persönlich gleichgültig wären. Dies steht im Kontrast zur ursprünglichen Absicht des ESC nach dem Zweiten Weltkrieg. Camp hingegen ist apolitisch und zielt darauf ab, Ernsthaftigkeit zu entthronen.
Der erste ESC-Halbfinale findet am 12. Mai statt, gefolgt vom zweiten mit Schweizer Beteiligung am 14. Mai und dem Finale am 16. Mai. Die Übertragungen finden auf SRF 2 (Halbfinals) und SRF 1 (Finale) ab 21 Uhr statt.