Seit dem Beginn Russlands Angriff auf die Ukraine vor über vier Jahren ist ungewiss, wie viele weitere Tage dieser Konflikt noch andauern wird. Die Erinnerungen an das Leben vor dem Krieg verblassen zunehmend.
An der Front herrscht ein blutiger Stillstand im Zermürbungskrieg, geprägt von Todesangst und monotonen Routinen. Der ukrainische Soldat Andriy (Name geändert), ein Mittfünfziger mit vier Jahren Kriegsdienst, beschreibt die Situation der «Tagesschau»: «Wir können unser Gelände oft nicht verlassen und sind hier 90 Prozent unserer Zeit gefangen, Jahr für Jahr.»
Viele Soldaten suchen nach Möglichkeiten, sich abzulenken und Emotionen zu erleben. Handys dienen als Fenster zur Welt und zugleich als Einfallstor in die Sucht. Bei Andriy hat dieser Wunsch seine Spielsucht wieder entfacht.
Laut Daniela Prugger, einer freien Journalistin aus Kiew, führen permanenter Stress und Unsicherheit zu Erschöpfung, emotionaler Abstumpfung und Apathie unter den Soldaten. Andriy ist nicht alleine; viele verspielen ihren Lohn und ihr Erspartes im Alltag des Kriegs.
Ukrainische Soldaten verdienen oft mehrere Tausend Euro, doch sinnvolle Ausgabenmöglichkeiten sind rar, was die Hemmschwelle senkt, Geld für Glücksspiele auszugeben und Schulden zu machen. Berichte zeigen, dass einige sogar militärische Ausrüstung verkaufen, um ihre Sucht zu finanzieren.
Eine US-Studie bestätigt ein erhöhtes Risiko der Spielsucht bei amerikanischen Soldaten im Einsatz; rund zwei Prozent sind betroffen. Der Militärkode erschwert es Betroffenen, über psychische Probleme und Abhängigkeiten zu sprechen, was oft zur verdeckten inneren Zerrissenheit führt.
Laut Prugger erfüllen in den USA 56’000 Soldaten die Kriterien für Glücksspielsucht. Das Risiko ist bei Veteranen deutlich höher aufgrund von Stress und Traumata, während weniger als zehn Prozent Hilfe suchen.
In der Ukraine gibt es keine exakten Zahlen zur Spielsucht in den Reihen der Armee, das Problem ist jedoch seit Jahren bekannt. 2024 startete Frontsoldat Pawlo Petrytschenko eine Online-Petition an Präsident Wolodomir Selenski, um den Zugang zu Glücksspielplattformen für Militärangehörige an der Front einzuschränken. Tausende unterzeichneten binnen kurzer Zeit.
Nun handelt die Regierung: Die zuständige Behörde soll sicherstellen, dass sich Militärangehörige nicht mehr bei entsprechenden Plattformen anmelden können.
Russische Propagandakanäle nutzen Berichte über Spielsucht, um die ukrainische Armee als geschwächt und demoralisiert darzustellen. Die ukrainische Armeeführung steht vor der Herausforderung, diese Probleme offen anzugehen, ohne Russland zusätzlichen Propagandamaterial zu liefern.
Das gleiche Problem betrifft auch russische Soldaten: Glücksspiele, Alkohol und Drogen bieten ihnen nur für kurze Momente eine Flucht vor den Schrecken des Krieges.