Heute führt das parteipolitische Schema links-rechts nicht nur in die Irre, sondern auch in die Sackgasse einer gefährlichen Polarisierung und erweckt den Eindruck, dass Lösungen aktueller Probleme auf einer «mittleren Linie» zu finden sind, die populistisch das politisch Attraktive kombiniert. Der Schweizer Publizist Herbert Meier gab seinem 1969 erschienenen Buch über die 68er Bewegung den Titel: «Der neue Mensch steht weder rechts noch links, er geht». Dies wirft grundlegende Fragen auf: Gibt es diesen «neuen Menschen», und wohin strebt er? Noch komplizierter ist die Frage, was «rechts» und «links» politisch oder weltanschaulich wirklich bedeutet. Der Ursprung dieses Schemas lässt sich bis zur Sitzordnung der französischen Nationalversammlung nach der Französischen Revolution zurückverfolgen: Rechts saßen die konservativen Anhänger des Ancien Régime, links jene einer neuen Ordnung, vereint durch «Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit». Aus heutiger Sicht war die damalige «Linke» eine Koalition von marktwirtschaftlich motivierten Liberalen (gegen den Ständestaat) und egalitär motivierten Sozialisten. Ihre Einigkeit beruhte auf der gemeinsamen Ablehnung des Ancien Régime und des katholischen Staatskirchentums. Nach 1848 zerfiel diese Koalition, als die Liberalen sich in mehrere Gruppen spalteten: Nationalkonservative, Demokraten und Befürworter eines säkularisierten Minimalstaates. Diese Spaltung schwächte sie intern, da sie sich zwischen negativer «Freiheit vom Staat» und positiver staatlich garantierte Freiheit unterschieden. Auch unter den Sozialisten kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Marxisten, Anarchisten und Sozialdemokraten. Politische Kräfte, die sich als Mitte verstehen, unterstützen unbeabsichtigt dieses Schema, indem sie sich selektiv mit mehrheitsfähigen Postulaten identifizieren. Goethe beschrieb in «Wilhelm Meister» das Dilemma der Mitte treffend: «Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte, sondern das Problem». Der deutsche Sozialdemokrat Erhard Eppler schlug vor, zwischen Wertkonservatismus und Strukturkonservatismus zu unterscheiden. Während der dialektisch-materialistische Sozialismus von sozioökonomischen Gesetzmäßigkeiten ausgeht, stehen Wertkonservative oft in Opposition zur politischen Realität. Der umstrittene Nationalismus des 20. Jahrhunderts wurde als katastrophales Produkt fehlgeleiteten Patriotismus beschrieben. Viele sehen die Nation immer noch als Grundlage für inneren und äußeren Frieden, während Strukturkonservative den Umverteilungsstaat perfektionieren wollen. Beide Ansätze sind jedoch nicht kompatibel und führen zu unterschiedlichen politischen Teufelskreisen. Der Nationalismus neigt zum Zentralismus, der wiederum zur progressiven Besteuerung und Umverteilung tendiert, was Unzufriedenheit schürt. Die professionellen Umverteiler sind strukturkonservativ und suchen nach einem Zusammenbruch nach neuen Narrativen. Sozialisten argumentieren, dass Sozialismus nur global funktionieren kann, starten aber auf nationaler Ebene. Sie versuchen, solidarischen Menschen heranzuzüchten, was an der gruppenbezogenen Natur von Solidarität scheitert. Eine freiheitsfreundliche Politik ist weder nationalistisch noch sozialistisch und bekämpft Strukturen, die soziale Ordnung durch staatlichen Zwang schaffen wollen. Sie verteidigt Frieden, Freiwilligkeit und Vielfalt gegen etatistischen Strukturkonservatismus.