Etwa 2000 Kinder von Jenischen und Sinti wurden mutmaßlich ihren Familien entzogen. Bundesrat und Nationalrat haben eingestanden, dass die Schweiz ein «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» an Fahrenden begangen hat. Eine Aufarbeitung steht jedoch noch aus.
Am 19. Februar 2025 brach eine Welle der Empörung los: Der Bundesrat erkannte offiziell an, dass die Verfolgung von Jenischen und Sinti im 20. Jahrhundert ein «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» darstellt. Diese Erkenntnis wurde durch den Druck der Union des Associations et des Représentants des Nomades Suisses vorangetrieben, welche sich bereits 2021 an den Bundesrat wandte und auf unerledigte Aufarbeitung verwies.
Trotz dieser späten Anerkennung hat sich inzwischen nichts geändert. Der Bundesrat griff lediglich eine frühere Entschuldigung von 2013 wieder auf, während der Nationalrat zuletzt knapp beschloss, die Verbrechen anzuerkennen und forderte Bund, Kantone sowie Gemeinden auf, Schutzmaßnahmen für Jenische und Sinti zu ergreifen. Völkerrechtsprofessor Oliver Diggelmann kritisiert die politische Untätigkeit scharf: «Es ist krämerisch, direkt zur Tagesordnung überzugehen. Das Thema braucht ein bewussteres Engagement.»
Schriftstellerin und Mitglied der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus Isabella Huser äußerte sich zufrieden über die parlamentarische Debatte, fordert jedoch eine verbindliche Aufarbeitung sowohl der historischen Verfolgungen als auch aktueller Missstände. Ein offener Brief von elf Forschern, darunter Nadja Capus und Walter Leimgruber, drängt auf die Einrichtung einer unabhängigen Kommission zur Untersuchung dieser «schwerwiegenden Verbrechen». Sie kritisieren das mangelnde Wissen über die Rolle der Kantone, Sterilisationen, Internierungen sowie die anhaltenden Auswirkungen auf Familien und Betroffene.
Strafrechtsprofessorin Capus betont, dass eine interdisziplinäre Kommission notwendig ist. Trotz des Todes vieler Täter muss der Fall als Verbrechen aufgearbeitet werden, da die öffentliche Wahrnehmung es oft noch zu einer zeitgenössischen Sozialpolitik herabstufte.
Jenische und Sinti bilden keine einheitlichen Gemeinschaften. Sie sind in mehreren europäischen Ländern anerkannt, wobei die Mehrheit der rund 30 000 hier lebenden Jenischen sesshaft ist. Die Behörden verfolgten sie wegen ihres «Nomadentums» und trennten Familien gewaltsam.
Auch die Schweizer Nomaden-Union fordert eine unabhängige Kommission, die auf den Joinet-Prinzipien basiert, die Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und Nichtwiederholung anstreben. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) setzt diese Grundsätze bereits in anderen Ländern um.
Anthropologin Mô Bleeker, die im EDA mit den Joinet-Prinzipien arbeitete, empfiehlt ebenfalls eine unabhängige Kommission. Diese soll Mediation betreiben und Forschungen sowie öffentliche Anhörungen organisieren, um Ursachen und Folgen zu verstehen und einen würdigen Weg für die Zukunft der Minderheiten zu ebnen. Die Politik steht vor der Wahl zwischen historischer Forschung, juristischen Ermittlungen, öffentlichen Anhörungen oder mediatischer Versöhnung, um das Geschehene aufzuklären.