Im Gegensatz zu den Schweizer Medien zeigt sich das Interesse der italienischen Öffentlichkeit und Presse stärker für Kriminalfälle. Dies wurde beispielsweise bei der Brandkatastrophe in Crans-Montana deutlich, wo die Berichterstattung aus dem Wallis weit umfangreicher war als jene anderer Länder. Diese italienische Neigung, Unglücks- und Kriminalfälle breit abzubilden, ist auch beim Mordfall Garlasco erkennbar, der sich vor zwei Jahrzehnten ereignete. Die Medien berichten fast täglich über den Fall, obwohl ein Indizienprozess bereits zu einem Schuldspruch gegen das damalige Paar führte. Dennoch gibt es Zweifel an diesem Urteil, und die Justiz ermittelt erneut.
Franco Battel, seit 2024 erneut Italienkorrespondent bei Radio SRF, erläutert diese Tendenz. Vorher berichtete er von Rom aus über Italien und den Vatikan, nachdem er für Regionen wie Mexiko und Zentralamerika zuständig war.
In Garlasco nahe Mailand wurde vor zwei Jahrzehnten eine junge Frau mutmaßlich ermordet. Die aktuelle Neuverhandlung des Falls wird von den italienischen Medien intensiv begleitet, mit täglichen Berichten und Liveschaltungen vom Tatort.
Roberto Saviano, ein Experte für die Mafia aus Neapel, bemerkt kritisch in einem Artikel, dass Italien so seinen Blick von schwerwiegenderen Problemen ablenke. Als Beispiel nennt er den Vorfall in Cutro, wo 2019 mehrere Menschen durch Untätigkeit der Küstenwache starben – ein Fall, für den es kaum Berichterstattung gibt.
Der Mordfall Garlasco zieht die Aufmerksamkeit auf sich wie eine Krimiserie, da Italien im Vergleich zu Ländern wie Deutschland keine eigenen populären Krimireihen hat. So wird der Fall zur täglichen Unterhaltung.
Quelle: Echo der Zeit, 12.5.2026, 18 Uhr