In ihrem neuen Werk “Orion” nutzt Petra Morsbach den Sound des Daseins, der in Papiermaterie eingewoben ist, um das satirische Pathos zu verstärken und damit die absurd-banale Natur des Lebens hervorzuheben. Der Roman beginnt mit einem liebevoll-satirischen Porträt einer episch gestalteten Großmutter Auguste. Diese riecht zwar nicht immer frisch, aber auch nach Niespulver und ähnelt einem “verbeulten Würfel”. Als literaturaffine Kassandra liest sie in der Dämmerung melancholische Lieder vor.
Die kleine Enkelin Nora Meyer erlebt diese Abende nicht traumatisch, sondern entwickelt eine Begeisterung für die Macht der Literatur: Sie kann aufwühlen, ängstigen und über Gefahren informieren. So wird das Lesen auch zu einem Trost, weil es dazu befähigt.
“Orion” erzählt von der Wirkmacht der Fiktion. Nora Meyer, die spätere Protagonistin, liest Werke von Homer bis Epikur und nutzt diese für ihre Alltagspraxis – sei es zur Verarbeitung ehelicher Auseinandersetzungen oder zarter Gefühle. Das Leben und Lesen der Hauptfigur verweben sich so eng, dass sie letztlich Schriftstellerin wird.
Im Laufe des Romans entwickelt Nora Meyer sich zu einer nüchtern lebenspraktischen Frau. Sie kommt vom Land nach München, studiert am Bayerischen Hauptstaatsarchiv und arbeitet dort mit dem Archivar Dr. Theseus Dellendrücker zusammen. Später wird sie Lehrerin in der Nähe von München und bemüht sich um das Interesse ihrer Schüler für Literatur.
Morsbachs Figurenzeichnung ist präzise, wie bei ihren anderen Werken, darunter “Opernroman”, “Gottesdiener” und “Justizpalast”. In “Orion” geht es nicht nur um die pädagogischen Herausforderungen einer Lehrerin, sondern auch um vielfältige Charaktere rund um Nora Meyer.
Nora lernt den Deutschlehrer René Zebe kennen, einen Mann mit rhetorischen Fähigkeiten sowie die Biologielehrerin Baronin Tux zu Knoll, die später eine Sekte verführt. Die Lehrerkollegen und Schüler zeigen ein breites Spektrum an Charakteren.
Das Eheleben von Nora und Theseus Dellendrücker entwickelt sich dramatisch; sie werden durch körperliche Vernachlässigung getrennt, was Nora in die Arme eines Baumbewerters treibt. Dieser symbolische Garten zeigt das metaphorische Spriessen im Leben der Protagonisten.
Der Roman thematisiert auch die Macht von Literatur, wie sie Nora Meyer ihr eigenes Selbstbild und ihre Realität verschieben lässt. Die Überhöhung menschlicher Tiefpunkte führt zu rascher Komik, während ernste Themen wie Schule, Pädagogik und Machtmissbrauch diskutiert werden.
Nora leidet unter Niereninsuffizienz und erfährt in einer Reha-Klinik die Konfrontation mit dem Tod. Ihre Überlegungen dort sind Höhepunkte des Romans. Die Figur Gabriele, eine Schriftstellerin und Patientin, wird als Morsbach selbst interpretiert.
Der Roman endet mit Noras Wunsch zu schreiben: “Es war, als dürfte ich alles noch mal erleben. Und ich fand, dass es schön war.” Petra Morsbachs “Orion” ist eine fesselnde Erkundung der Kraft der Literatur.