Ein bemerkenswerter Zufall im Literaturgeschäft beleuchtet nicht nur die aktuelle Szene, sondern auch die Natur der Medienlandschaft, die uns aus zahlreichen Kanälen umgibt. Anfang April wurde bekannt gegeben, dass Don DeLillo, unter dem Pseudonym Cleo Birdwell 1980 veröffentlicht, mit «Amazons», einer satirischen Novelle neu aufgelegt wird, während Lena Dunham, die Schöpferin der HBO-Serie «Girls», ihre Autobiografie herausbrachte.
DeLillo, Jahrgang 1936 und als ein bedeutender amerikanischer Autor anerkannt, erlangte mit Werken wie «White Noise» und «Underworld» weltweite Anerkennung. Seine Texte, oft komplex und um Themen der Postmoderne wie Subjektivität in einer von Medien beeinflussten Welt kreisend, zeichnen sich durch Abwesenheit im öffentlichen Raum aus. Ähnlich wie J.D. Salinger oder Thomas Pynchon hat DeLillo Interviews vermieden und Gesprächsanfragen mit einer Visitenkarte beantwortet, auf der stand: «I don’t want to talk about it.»
Im Kontrast dazu steht Lena Dunham, 39 Jahre alt und als eine prägende Fernsehautorin ihrer Generation anerkannt. Ihre Serie «Girls», die von 2012 bis 2017 lief, beschäftigte sich mit dem Leben junger Frauen in New York zu Beginn der 2000er, wobei Dunham ihre Rolle selbst verkörperte. Durch scharfsinnige Dialoge und einen präzisen Blick auf die Lebenswelt kreativer Mittelklasse wurde sie zur Ikone feministischen Erzählens im Fernsehen.
Mit «Famesick» dokumentiert Dunham nun die Zeit ihres Aufstiegs zum Star. Das Medieninteresse ist enorm; zahlreiche Publikationen, von der «New York Times» bis zu «Vogue», widmen sich dem Werk. DeLillos neu aufgelegte fiktive Autobiografie und Dunhams Memoir bilden die Pole eines Literaturbetriebs, der Authentizität als wertvolle Ressource betrachtet.
Die Popularität autobiografischer Werke, oft mit fiktiven Elementen angereichert, wie bei Karl Ove Knausgard oder französischen Autoren wie Emmanuel Carrère und Annie Ernaux, zeigt die Komplexität des Genres. DeLillos «Amazons», eine Parodie auf Autobiografien, stellt die Idee in Frage, dass ein Leben eins zu eins literarisch wiedergegeben werden kann. Dunhams Medienspektakel hingegen scheint den Versuch darzustellen, einen literarischen Text durch zahlreiche Interviews nachvollziehbar zu machen.
Während DeLillo mit seiner Zurückhaltung Aufmerksamkeit erregt und das Schweigen als Ausdruck von Genialität nutzt, wählt Dunham den Weg des ständigen Dialogs. Beide Positionen reflektieren die Herausforderungen eines Literaturbetriebs, der eine Wirklichkeit sucht, die im literarischen Medium schwer fassbar ist.
Lena Dunham: Famesick. A Memoir. Random House, New York 2026. 416 S., Fr. 28.90. Bisher nur auf Englisch erhältlich.
Cleo Birdwell (Don DeLillo): Amazons. An Intimate Memoir by the First Woman Ever to Play in the National Hockey League. Viking Press, New York 2026. 400 S., Fr. 20.–.