Felicitas Hoppe, eine ausgezeichnete Autorin, widmet sich in ihrem Essay dem faszinierenden Thema des Reisens. Sie beschreibt es als eine Übung, Widersprüche zu akzeptieren und zu verstehen: Der Mensch reist fort, um sich paradoxerweise selbst näherzukommen. Fast siebzig Jahre nach Hans Magnus Enzensberger, der in seiner Theorie des Tourismus die Freiheitsidee des Reisens als Selbstbetrug entlarvte, untersucht Hoppe diese Thematik erneut und mahnt zur Ehrlichkeit gegenüber sich selbst. Wer glaubt, unberührte Gegenden zu erreichen, wird lediglich die leeren Cola-Dosen seiner Vorgänger finden.
Das Buch ist eine bewegende Autobiografie eines Stubenhockers, der schon in der Kindheit zum Spielen getragen werden musste. Die Abenteuer der anderen – von Pinocchio bis Tom Sawyer und Huckleberry Finn, sowie die Welten Jules Vernes – waren ihm Vorbild. Er wollte beobachten, ohne selbst aktiv zu sein: “Ich war förmlich zum Schreiben geboren.” Geboren in Hameln, wuchs Hoppe unter finanziellen Umständen auf, die Reisen kaum zuließen. Die Eltern hatten Krieg und Vertreibung erlebt; für sie stand das Ankommen im Vordergrund.
Trotz dieser Hintergründe unternahm Felicitas Hoppe als Germanistikstudentin Aufbrüche, etwa in ein Holzfällerhaus in Oregon, wo sie Amerika als ausgedehnte Landschaft erlebte. Die Grenze zwischen Arbeit und Tourismus verschwamm, während sie als Beobachterin auf Rücksitzern reiste: “Die Reise als Sport: kurze, brutale, sorglose Schnitte durch ein riesiges Land.” Max Frisch wird zitiert mit der Idee, dass eine Reise erst in der Erinnerung ihre endgültige Bedeutung erhält.
In ihren Werken wie dem 2018 erschienenen Roman “Prawda” und ihrem Debüt “Pigafetta” spiegeln sich diese Erfahrungen wider. Letzteres erzählt von einer Weltreise, die in Hamburg beginnt und endet, finanziert durch einen viermonatigen Aufenthalt auf einem Containerschiff – eine Reise der Zwecke statt des Vergnügens.
Auf dem Schiff erlebte Hoppe ein Leben im Kontrast zur üppigen Kreuzfahrt: einfache Gerichte und einen kochunfähigen Koch namens Elvis. Eine spätere Einladung, auf einem Kreuzfahrtschiff zu lesen, lehnte sie ab.
Hoppe zeigt in ihrem klugen Essay das Paradox des Reisens auf: “Alles soll einmalig anders sein und zugleich höchst vertraut.” Sie porträtiert Camper mit zartem Spott und reflektiert über die Souvenirs, die sie als falsches Gold der Erinnerung in ihr Berliner Zuhause bringt. Hoppe ist eine Reisende des Geistes: Ihre tatsächlichen Aufbrüche gelten eher der Phantasie als schweren Koffern.
Felicitas Hoppe: Reisen. Verlag Hanser Berlin 2026. 128 S., Fr. 30.90.