Stefan Gubser ist in der Welt des Online-Journalismus zuhause, seit das Internet an Popularität gewann. Früher interviewte er berühmte Schauspieler als Germanistik-Absolvent. Heute wird er manchmal mit einem verwechselt – rein aus Namensähnlichkeit.
Ich hätte gerne einen dramatischen Einstand gewählt, etwa über die Schwielen an meinem Daumen vom ständigen Wischen auf meinem ersten iPhone, das ich nun fast täglich benutze. Als einer der letzten seiner Art habe ich mich lange gegen ein Smartphone gesträubt und wollte nicht zu einem App-Süchtigen werden.
Mein Gefühl erinnert mich an 1992, als ich von St. Gallen nach Zürich zog und meinen Eltern sagte, ich studiere Literaturwissenschaften. In Wirklichkeit kam ich mit einer riesigen Glotze zurück, größer als meine gemietete Kammer, um das zu erleben, was mir während meiner Teenagerjahre verwehrt blieb.
Die nackte Wahrheit: Das Handy liegt achtlos neben mir – dieses sogenannte Teufelsgerät, dem die Menschheit nicht widerstehen kann. Mir geht es gut an der Seite des selbsternannten Besserwissers mit ADHS-Ausprägung, weil ich strikte Selbstauferlegte Vorschriften bezüglich Smartphone-Nutzung befolgt habe.
App-Kauf ist tabu – und kein Kreditkarten-Verknüpfen erlaubt. Ich nutze es manchmal zum Abfragen von Zugverbindungen, doch kaufe ich Fahrkarten persönlich an Schaltern oder Automaten. Bei der Schaffnerin sage ich: «Früher waren sie aus Karton!», um ein müdes Lächeln zu erhalten.
Rachele De Caro, Schweizer Autorin und Verlegerin, hat mit ihrem Essay “Smartphone-los” einen kulturkritischen Weckruf gegen die Smartphone-Dominanz verfasst. Es ist weniger eine Analyse der Technik als ein Appell an den kulturellen Wandel. Smartphones seien nicht nur Werkzeuge, sondern Verhaltenssysteme, die süchtig machen und schleichend unsere Aufmerksamkeit, Kommunikation, Beziehungen und Unabhängigkeit aushöhlen.
De Caro widersteht seit über drei Jahren der Smartphone-Versuchung. Sie möchte ihren alten “Knochen” nie wieder aufgeben, wie sie abschließend schreibt.
Aber ich gebe zu: Manchmal prüfe ich private Mails aus Langeweile heraus. Und die kunstvollen Stadtpläne im Stil von Franz Gertsch malen, bevor eine Reise ansteht, ist Vergangenheit.
In der Schweiz sind Google Maps überflüssig und einheimische Wegweiser unübertroffen. Letztes Jahr führte uns in Baden eine Empfehlung zu einem verborgenen Limmat-Ufer – während das Handy uns in eine geschlossene Badeanstalt steuern wollte.
Ein Freund riet mir, nichts auf dem Handy nachzufragen, um sicher zu sein. Ich rate zur Enthaltsamkeit bei sozialen Medien und sofortigen Antworten. FOMO gehört der Vergangenheit an. Nach sechs Monaten mit meinem neuen Gerät: Im Zug schaue ich lieber aus dem Fenster als aufs Display.
Als Tipp verwandle ich mein Handy zuhause in ein Festnetztelefon, platziere es neben der Tür und lasse mich nicht von seinem Aufleuchten stören. Doch wenn nötig, ertönt die Stimme.
Fragen Sie meine Teenager-Kinder, die nur noch durch Anrufe erreichbar sind – oder bei einem frechen Chat-Eintrag auf Familienchat.
Radio SRF 2 Kultur, Kulturplatz Talk, 20.5.2026, 9:03 Uhr