Die Anschuldigungen von Collien Fernandes gegen Christian Ulmen haben bei vielen Frauen den Eindruck verstärkt, dass alle Männer potenziell gefährlich sind. Diese Situation führt nun dazu, dass viele Männer unter Druck stehen, Stellung zu beziehen – eine Forderung, die einige als überzogen empfinden. Die Vorwürfe gegen Ulmen, der beschuldigt wird, digitale sexuelle Übergriffe verübt zu haben, lösten in Medien und sozialen Netzwerken einen Diskurs aus. Nachdem Fernandes öffentlich sprach, wurde ein Bekenntniszwang spürbar. Laut einer Recherche des “Spiegel” erstellte Ulmen Fake-Profile von Fernandes und verschickte pornografisches Material. Einige Medienbeiträge thematisieren die Frage nach der Verantwortung aller Männer in solchen Fällen. Ein Autor im “Stern” beschreibt das Schweigen vieler Männer als “unerträglich”, während andere Kollegen fordern, dass Männer ehrlich mit sich selbst und ihrer Rolle umgehen. Viele Männer lehnen es ab, generell für die Taten eines einzelnen verantwortlich gemacht zu werden. Sie argumentieren, dass der Vorfall Ulmen nicht automatisch eine Verpflichtung zur Abbitte für alle Männer darstelle. Auch wenn Feministinnen oft betonen, dass es um strukturelle Probleme und nicht um Männer als Gruppe gehe, fühlen sich viele von den Reaktionen angegriffen. Einige Frauen raten aufgrund der Gefahren, keine männlichen Freunde zu haben, während andere die Beziehung zu Männern hinterfragen. Der Hass im Netz gegenüber Männern zeigt eine verbreitete Wut und Resignation angesichts häufiger Gewalt gegen Frauen. Unterdessen haben sich einige Männer öffentlich distanziert oder bedauert, keine klare Position bezogen zu haben. Fahri Yardim etwa beklagt in einem Instagram-Post sein spätes Eingreifen, während Benjamin von Stuckrad-Barre seine Enttäuschung über Ulmen ausdrückt. Solche öffentlichen Bekundungen wirken oft nicht authentisch und scheinen mehr auf den Erhalt des eigenen Rufs abzuzielen. Zudem wird bemängelt, dass sich die Aufmerksamkeit vor allem auf prominente Fälle wie diesen richtet, während in anderen Situationen, z.B. nach Anschlägen der Hamas, keine ähnliche Empörung gezeigt wurde. Über 250 Frauen aus Politik und Kultur, darunter Ricarda Lang und Luisa Neubauer, fordern nun Maßnahmen gegen digitale sexuelle Gewalt. Annalena Baerbock betont auf Instagram die Notwendigkeit des Engagements: Wer schweigt, macht sich mitschuldig an Frauenmorden. Dieses Dilemma zeigt das Paradoxon einer Debatte, in der Männer zur Auseinandersetzung mit toxischer Männlichkeit gedrängt werden – eine Zuschreibung, die viele als ungerecht empfinden und aus diesem Grund schweigen.