Seit Wochen ist der Seemann Ali, dessen wahrer Name geheim bleibt, mit seinem Schiff am Persischen Golf gestrandet. In einem Bericht an die International Transport Workers’ Federation (ITF), die Gewerkschaft der Seeleute, beschreibt er die prekäre Situation: “Es gibt dringenden Bedarf, dass das Schiff umgehend mit Lebensmitteln und Trinkwasser versorgt wird. Die gesundheitliche Verfassung der Besatzung verschlechtert sich zusehends. Trotz mehrmaliger Kontaktaufnahme mit Hilfsorganisationen und beteiligten Parteien wurden keine effektiven Lösungen gefunden.” Laut Stephen Cotton, Generalsekretär von ITF Global in London, häufen sich derzeit solche Berichte: “Einige Schiffe haben ihre Vorräte an Nahrungsmitteln, Wasser und Treibstoff bereits aufgebraucht. Andere sind je nach Route noch nicht so stark betroffen.” Der Persische Golf wird als geschlossener Ozean beschrieben – vergleichbar mit dem Spiel “Sesseltanz”, wo alle Schiffe im Stillstand feststecken. Diese befinden sich in der Nähe von Raketenabwehrpositionen, sind jedoch weiterhin Angriffszielen ausgesetzt. Nachweise über Drohnen oder Raketenabstürze nahe den Schiffen bestätigen die Gefährdung. Die Crews leben im ständigen Alarmzustand, was ihre Belastbarkeit langfristig strapaziert.
Familien der Seeleute sorgen sich zudem um ihr Wohl. Wie Cotton berichtet, sind viele Seeleute aus den Philippinen oder Indien besorgt über die Sicherheit ihrer Familienmitglieder und können keine beruhigenden Antworten geben. Auch Arsenio Dominguez, Generalsekretär der IMO (International Maritime Organization), betonte bei einer Sonderkonferenz die prekäre Lage von rund 20’000 Seeleuten. Er warnte vor den weitreichenden Konsequenzen eines blockierten Seeverkehrs in Konflikten – von wirtschaftlichen Einbußen bis hin zur Lebensmittelversorgung.
Die Verantwortung für die auf See festgesetzten Besatzungen obliegt grundsätzlich den Flaggenstaaten der Schiffe. Allerdings fahren viele unter Billigflaggen wie Panama, Liberia oder den Marshall-Inseln, die kaum Einfluss auf Verhandlungen mit Kriegsparteien haben und vor allem aus dem Verkauf von Flaggen profitieren.
ITF Global bemüht sich gemeinsam mit Schiffseignern um eine Waffenruhe im Persischen Golf, um die Schiffe zu evakuieren – der Erfolg ist jedoch ungewiss. Cotton erwägt als Notfallmaßnahme den Abflug der Besatzungen, sieht aber das Problem, dass die teure Fracht und laufenden Motoren auf den Schiffen nicht unbeaufsichtigt bleiben können. Die Rekrutierung neuer Crews stellt eine zusätzliche Herausforderung dar.
In der Hoffnung auf einen Friedensplan, der die Funktionsfähigkeit der globalen Wirtschaft sichert, appelliert Cotton an die Konfliktparteien, damit Seeleute nicht weiterhin für Aktionen Dritter leiden müssen.