Nach den enttäuschenden Ergebnissen bei den Landtagswahlen hat die SPD-Führung eine Krisensitzung einberufen. Trotz fehlender öffentlicher Rücktrittsforderungen an die Parteispitze bleibt der Personalstreit offen, insbesondere mit Kritik an Klingbeil. Hubertus Heil, ehemaliger Arbeitsminister und prominenter Sozialdemokrat, kritisierte die Partei als «zu langweilig, zu behäbig und zu beliebig» und forderte mehr Offenheit in der Führung. Er zählt zu Klingbeils Kritikern und spricht damit Gefühle vieler Mitglieder an, besonders der Basis.
Nach den Niederlagen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz luden Klingbeil und Co-Vorsitzende Bärbel Bas wichtige Politiker zum Krisengipfel. Doch statt einer Fehleranalyse setzte die Führung zur Tagesordnung über, ohne personelle Neuaufstellungen anzusprechen.
Klingbeil suchte Unterstützung für seinen Reformkurs, den er mit einer Grundsatzrede eingeleitet hatte, und bekam viel Zuspruch. Er fordert mehr Arbeitsanreize in Deutschland: weniger Teilzeit, mehr Anreize zur Arbeitnahme, Ende der Frühverrentung sowie Lockerungen beim Kündigungsschutz – Forderungen, die vor allem seiner Partei zu schaffen machen. Die Union unterstützt ihn größtenteils dabei.
Klingbeil bemängelte, dass ein System geschaffen wurde, das Arbeit unattraktiv mache, und bezeichnete Deutschland als blockiertes Land mit reflexhafter Ablehnung von Reformvorschlägen. Er sieht Parallelen zur Agenda 2010 aus dem Jahr 2003 und den Herausforderungen der Vergangenheit wie die Einführung der Rente mit 67 im Jahr 2006.
Derzeit arbeiten Kanzleramt und Finanzministerium an einer umfassenden Reformagenda. Vorschläge wie eine Mehrwertsteuererhöhung, diskutiert von der Union, wurden von Klingbeil abgelehnt: «Unsere Position ist das nicht», betonte er.
Beide Regierungspartner sind sich einig über die Notwendigkeit tiefgreifender Reformen. Das globale Umfeld ist jedoch heutzutage schwieriger und unberechenbarer, mit Themen wie dem Ukraine-Krieg und Trumps Zollpolitik.
Ein zusätzliches Risiko für Klingbeils Vorhaben birgt die nach links gerückte SPD-Fraktion im Bundestag. Ihre Bereitschaft zu weiteren unpopulären Maßnahmen ist fraglich, besonders nachdem sie sich bei verschärften Sanktionen in der Grundsicherung nur widerwillig angeschlossen hatte.
Klingbeil, seit rund fünf Jahren Parteichef, steht nach den Wahlniederlagen unter Druck. Er forderte seine Genossen auf, offen zu sagen, wenn sie ihn als falsche Führung sehen. Nur wenige plädierten für Boris Pistorius als neuen Vorsitzenden, da er und Anke Rehlinger selbst kein Interesse zeigten.
Bas betonte die Notwendigkeit einer offenen Diskussion im Vorstand. Während Klingbeil und Bas auf dem Krisengipfel Diskussionen über ihre Person abwenden konnten, bleibt ungewiss, ob ihr Machterhalt bis zur nächsten Bundestagswahl gelingt. Beide Minister müssen schwierige Reformen durchsetzen, auch gegen den Willen einiger Parteimitglieder, die eine Rückkehr in die Opposition bevorzugen.