Collien Fernandes hat sich öffentlich über ihre Erfahrungen geäußert, doch nicht alle Frauen sprechen darüber. Was sind die Gründe für dieses Schweigen? Sie wirft ihm Identitätsdiebstahl und virtuelle Vergewaltigung vor. Über Jahre hinweg soll er Fake-Profile von ihr erstellt haben, um mit Männern zu chatten. Darüber hinaus wird behauptet, dass er gefälschte Nacktfotos und -videos verschickt habe. Dies wirft die Frage auf: Warum sprechen viele Frauen nach sexualisierter Gewalt nicht sofort – oder überhaupt nicht? In der Schweiz bestätigen Fachstellen und die Polizei, dass Angst, Scham und strukturelle Hürden dahinterstecken könnten. Ein belastender Faktor ist laut der Frauenberatung sexuelleGewaltZürich die sogenannte Schuldumkehr. Dabei werden subtil die Verantwortung oder die Ursache für das Geschehene dem Opfer zugeschoben. Kommentare wie «Du hast es herausgefordert» oder «Du bist einfach zu empfindlich» führen dazu, dass Betroffene an sich selbst zweifeln. Daraus folgt oft Selbstzweifel: «Vielleicht habe ich das übertrieben», oder «Ich bin wohl schuld». Brigitte Kämpf, Co-Geschäftsleiterin der Frauenberatung, betont: «Die eigentliche Gewalttat wird unsichtbar gemacht und durch Selbstzweifel, Scham und Schuld ersetzt.» Besonders bei der Verbreitung intimer Bilder oder Deepfake-Pornografie ist die Scham groß. Solche Inhalte auch Fachleuten, der Polizei oder dem Umfeld zu zeigen, stellt für Betroffene eine enorme Hürde dar. Philipp Gasser, Mediensprecher der Kantonspolizei Bern, bestätigt: «Scham und die Angst nicht geglaubt zu werden, sind häufige Gründe für das Schweigen.» Ein weiterer Faktor ist, dass Betroffene Zeit benötigen, um das Erlebte einzuordnen und zu erkennen, dass sie Opfer einer Straftat wurden. Auch die Aussicht auf ein langwieriges und belastendes Strafverfahren kann abschrecken. Im Kanton Bern wird das «Berner Modell» angewendet: Polizei, Medizin und Beratungsstellen arbeiten eng zusammen, um Betroffene schonend zu begleiten und erneute Traumatisierungen zu vermeiden. «Eine Polizistin begleitet Betroffene zur medizinischen Untersuchung im Inselspital Bern», erklärt Gasser. Die Untersuchung dient sowohl der Beweissicherung als auch der medizinischen Versorgung. Die Polizei koordiniert anschließend die weiteren Schritte mit der Staatsanwaltschaft, sichert Beweise und sorgt dafür, dass Betroffene nicht auf die beschuldigte Person treffen. Während des gesamten Verfahrens steht eine feste Ansprechperson zur Verfügung. Im Jahr 2025 wurden in der Schweiz insgesamt 6195 Straftaten im Bereich der sexualisierten Gewalt gemeldet, wie Zahlen des Bundesamt für Statistik zeigen. Dies umfasst etwa sexuelle Übergriffe, Belästigung oder das unbefugte Weiterleiten intimer Inhalte. Im Vergleich dazu lag die Zahl 2015 noch bei 4512. Melden sich Frauen bei der Frauenberatung sexuelle Gewalt Zürich, werden sie zunächst beraten und darüber informiert, dass solche Verfahren Zeit benötigen. Besonders bei Cybergewalt lasse sich oft nicht alles rückgängig machen, da das Internet nicht vergisst. Die Beratungsstelle kann aber auch juristische Erstberatung vermitteln und finanziell unterstützen. Zudem wird gemeinsam geklärt, ob und wie das Umfeld informiert werden soll. Die Zusammenarbeit mit der Polizei wird positiv bewertet: «Wir können den direkten Zugang zu spezialisierten Polizeiabteilungen koordinieren», so ein Fazit. Das Strafrecht hinkt jedoch den Entwicklungen im digitalen Raum hinterher. Neue Missbrauchsformen stellen die Justiz vor Herausforderungen, sodass rechtliche Schritte in jedem Einzelfall sorgfältig geprüft werden müssen. Der Fall Collien Fernandes zeigt: Schweigen bedeutet nicht, dass nichts passiert ist. Oft sind einfach die Hürden zu hoch. Es ist daher wichtig, Betroffenen zuzuhören, ihnen zu glauben und niederschwellige Hilfe anzubieten.