Der Schnee knirscht unter Marynas Füßen, als sie durch die verlassenen Straßen von Prypjat schreitet. Diese Stadt mit einst 50.000 Einwohnern ist heute eine Geisterstadt, umgeben von Sperrzonen seit dem russischen Angriff 2022. Für Besucher wie Maryna Peter ist eine spezielle Bewilligung erforderlich; eine Drohne des Wachtpersonals überwacht ihre Schritte.
Vier Jahre alt war sie, als ihr Leben durch die Katastrophe von Tschernobyl auf den Kopf gestellt wurde. Ihr Vater Anatolii Varbanets arbeitete damals als Strahlenschutzingenieur im Atomkraftwerk und ihre Mutter Larisa unterrichtete Klavier an der Musikschule. An jenem schicksalhaften Samstagmorgen, dem 26. April 1986, ahnten die Bewohner nichts von der Katastrophe.
Als Gerüchte über einen Unfall aufkamen und der Werkbus in Richtung Atomkraftwerk fuhr, verstummten die Gespräche. Über den Ruinen des Reaktors Nr. 4 stand eine Rauchsäule. Anatolii warnte seine Familie umgehend: Larisa floh mit ihren Kindern Maryna und Pavlik.
Vier Jahrzehnte später sucht Maryna Peter, mittlerweile in der Schweiz als Wissenschaftlerin tätig, ihre alte Wohnung auf. Vor einem Plattenbau steht sie nun, erkennt die Fenster ihres früheren Zimmers im vierten Stock wieder. Die Erinnerungen an das Klavier und den Weihnachtsbaum tauchen auf.
Maryna lebt in der Schweiz, ist verheiratet und hat eine Tochter. Doch nun steht sie zum ersten Mal in ihrer leeren Kindheitswohnung. Vierzig Jahre lang hatte sie sich gefragt, ob ihre Erinnerungen die Realität überdauert hatten.
Die kalte Luft strömt durch die zerbrochenen Fenster der verlassenen Wohnung. Sie weint und denkt an die Bilder, die sie ihrer Mutter geschickt hat. Die Flucht damals war geprägt von Panik: Angst vor Checkpoints, vor dem Verlust der Kinder.
Maryna und ihr Bruder begannen nach der Katastrophe zu husten, eine Erkrankung, die Ärzte mit den Auswirkungen von Hiroshima verglichen. Larisa fand schließlich Arbeit als Klavierlehrerin, doch Schüler fürchteten sich vor ihr.
Heute arbeitet Maryna Peter an der Fachhochschule Nordwestschweiz und unternimmt humanitäre Einsätze in Afrika und dem Nahen Osten. Im ehemaligen Atomkraftwerk trifft sie Arbeiter, darunter eine Frau, die ihren Mann bei der Katastrophe verlor.
Die Rückkehr nach Tschernobyl bleibt für Maryna Peter eine tief bewegende Reise in ihre Vergangenheit und ein Erlebnis voller Wärme und Herzlichkeit. Ihr Vater Anatolii arbeitete bis 1988 im Kraftwerk, flüchtete später in die Schweiz.