Bisher eher vernachlässigt, soll der Nahverkehr in den regionalen Zentren Frankreichs nun erheblich modernisiert werden. Das Ziel: mehr autofreie Mobilität. Die Abkürzung SERM steht für Services Express Régionaux Métropolitains (Städtisch-regionale Schnellzugdienste). Laut SNCF Réseau, dem Infrastrukturbetreiber der französischen Staatsbahn, ist es notwendig, “den hohen Mobilitätsbedarf zwischen den Metropolen und ihrem Umland zu decken”. Die Schiene soll das Rückgrat der zukünftigen SERM-Netze bilden.
Im ersten Anlauf planen 26 Regionen den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs: Neben Städten wie Bordeaux, Lyon, Marseille und Nantes auch Orte wie Avignon, Lille, Grenoble, Orléans sowie ländliche Gebiete wie die Bretagne oder das Baskenland. Ziel ist es, umfassende Mobilitätsangebote als Alternative zum Auto zu schaffen. Der neue Nahverkehr soll “multimodal” sein, indem verschiedene Verkehrsmittel kombiniert werden: Schnelle Züge, Expressbusse, Strassenbahnen, Mitfahrgelegenheiten und Fahrradinfrastruktur sollen das Umsteigen vom Auto attraktiv machen. Dazu gehört ein einheitliches Tarifsystem.
Der Fokus liegt darauf, Pendlerströme besser zu kanalisieren und den wachsenden motorisierten Individualverkehr zu schwächen. Verkehrsplaner haben von europäischen Nachbarn gelernt, die gut ausgebauten Nahverkehrssysteme besitzen, wie in Deutschland und der Schweiz. Auch Paris zeigt, wie große Menschenmengen effizient bewegt werden können. Im Netz der Île-de-France fahren täglich 5 Millionen Fahrgäste mit Bussen und Bahnen. Der Schienenverkehr trägt die Hauptlast: Jeder zweite Nahverkehrskunde steigt an über 300 Stationen in eine von 16 Metrolinien um. Für Pendler aus entfernteren Vororten sind die schnellen RER-Linien unersetzlich, mit einem fast 600 Kilometer langen Streckennetz und über 250 Stationen.
Effizient und erfolgreich zeigt sich das Projekt in Genf, wo seit Jahren gemeinsam mit französischen Nachbarn an den Verkehrsproblemen gearbeitet wird. Der “SERM franco-suisse” soll die grenzüberschreitenden Mobilitätsangebote ausweiten. Die genaue Linienführung ist noch nicht festgelegt, aber Experten sind sich einig: Sie muss am “Jura-Fuss” in Frankreich beginnen und durch die Stadt bis vor den Aussichtsberg Salève führen. In Genf verzeichnet der Léman Express seit 2019 einen Fahrgastzuwachs von über 130 Prozent.
In Strassburg fährt seit Ende 2022 die erste französische S-Bahn außerhalb der Île-de-France, das Réseau Express Métropolitain Européen (REME). Zukünftig soll vor allem das Bahnnetz im Grand Est ausgebaut werden. Auch Mülhausen und Basel planen grenzüberschreitende S-Bahnen.
Für die ersten 26 SERM-Projekte wird ein Finanzierungsbedarf von 20 Milliarden Euro geschätzt, zusätzlich zu jährlichen Betriebskosten von 1,5 Milliarden Euro. Staat und Regionen sollen sich teilen, teilweise über Kredite mit fünfzig Jahren Laufzeit. Das französische Verkehrsministerium hat einen Entwurf eines Rahmengesetzes vorgelegt.
Eisenbahnexperten wie Reinhard Christeller sind skeptisch wegen des Finanzbedarfs und weiterer Herausforderungen im Eisenbahninfrastruktur-Ausbau. Die Wirtschaft muss einen Teil der Kosten übernehmen, mit einem Steuerbeitrag (“versement mobilité”) zwischen etwa 0,5 und knapp 2 Prozent des versteuerten Einkommens. Solche Finanzierungsmethoden wurden bereits für den TGV genutzt.
Auch in der Region Grand Est sind drei SERM-Projekte geplant. Im Norden soll die Infrastruktur zwischen Lothringen und Luxemburg ausgebaut werden, mit dem Ziel “multimodale Alternativen zur Entlastung der Hauptverkehrsachsen” zu schaffen.