Helena und Célio Riffel, die neben Portugiesisch auch Hunsrück-Deutsch sprechen, sind Teil der europäischen Landwirtschaftsgeschichte Brasiliens. Ihre Vorfahren wanderten vor über einem Jahrhundert aus Deutschland nach Südbrasilien ein. Doch als das Land an der Grenze zu Argentinien knapp wurde, zogen die Riffels 2300 Kilometer nördlich ihrer Heimat in den Cerrado in Mato Grosso, wo sie Wald erwarben. Die gerodeten Böden dort wechseln je nach Wetterlage zwischen steinhart und schlammbesetzt.
Nach zehn Jahren Bauzeit führten die Riffels Strom auf ihrer Farm ein und kultivieren nun 1200 Hektar mit Soja und Mais, während sie einen Fünftel ihres Landes im Originalzustand belassen. Jede Nacht müssen ihre Tiere in Ställen bleiben, um Jaguare zu vermeiden.
Mit 57 Jahren ist Célio Riffel noch aktiv im Agrarsektor tätig und investiert gemeinsam mit anderen europäischstämmigen Familien in eine Ethanol-Fabrik in Sinop. Hier wird bald täglich 1200 Tonnen Mais zu Ethanol verarbeitet, was 30 Lastwagen entspricht. Die Investitionen belaufen sich auf rund 200 Millionen Dollar, wobei ein Fünftel durch die brasilianische Entwicklungsbank BNDES finanziert wird.
Die Farmer aus Mato Grosso haben die Region zu einem globalen Zentrum der Sojaproduktion gemacht. Vor vierzig Jahren wurde hier kaum Soja angebaut; heute ist Brasilien der größte Exporteur weltweit. Soja dient hauptsächlich als Tierfutter für industrielle Mastbetriebe, während 15 Prozent des brasilianischen Sojas nach Europa exportiert werden.
Der wachsende Bedarf an tierischem Protein in Schwellenländern treibt die Nachfrage nach Soja weiter. Die Prognosen sagen eine Steigerung der Produktion um 65 Prozent innerhalb von zehn Jahren voraus. Gleichzeitig hat sich Brasilien zu einem bedeutenden Maisproduzenten entwickelt, mit zwei bis drei Ernten pro Jahr dank günstigen klimatischen Bedingungen.
In Sinop spiegelt die rasante Entwicklung der Region wider: 200.000 Menschen leben dort ohne Arbeitslosigkeit und zählen zu den höchstentwickelten Gemeinden des Landes laut dem Human Development Index.
Die Farmer zielen darauf ab, nicht nur Rohstoffe zu liefern, sondern die Wertschöpfung vor Ort durch die Verarbeitung von Soja und Mais in Ethanolanlagen zu erhöhen. Die geopolitischen Veränderungen spielen ihnen dabei in die Hände: Brasilien strebt taktische Allianzen an und profitiert vom Handelskrieg zwischen China und den USA.
Die brasilianischen Farmer haben dauerhaft die US-Konkurrenz im Sojaexport verdrängt, insbesondere nachdem China die Importe aus den USA sanktioniert hatte. Auch in der Ethanol-Produktion spielt Brasilien eine strategische Rolle, um Abhängigkeiten von fossilen Brennstoffen zu verringern.
Seit dem Militärregime des 20. Jahrhunderts setzt Brasilien auf Energie aus landwirtschaftlichen Quellen und nutzt Ethanol als Treibstoffzusatz für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Die rasante Entwicklung der Ethanolindustrie zeigt sich in der Verdoppelung der Produktion bis 2032.
Während die Farmer von steigenden Düngemittelpreisen betroffen sind, besorgt Brasiliens Agrarstärke die Landwirte aus den USA und Kanada. Die geplante Verlagerung des Soja-Transports zu Häfen mittels Zugverbindungen könnte Nordamerika noch mehr herausfordern.
Zudem hat Brasilien mit der Ausfuhr von DDGS, einem tierischen Restprodukt der Ethanolherstellung, den USA Konkurrenz gemacht. Célio Riffel plant, aus diesem Nebenprodukt eine eigene Mastschlachtkette zu entwickeln und setzt damit neue Standards im globalen Agrarsektor.
Die Unterstützung für diese Reise kam vom Farmer-Verband Aprosoja-MT.