Edi Rama, der Premierminister Albaniens, hatte ambitionierte Pläne, als er einen Chatbot zum Mitglied seines Kabinetts machte. Doch statt gegen Korruption anzukommen, ist das System nun selbst in einen Skandal verwickelt: Die Entwicklerinnen des Bots stehen unter dem Verdacht der Betrügerei.
Rama hatte Diella, die virtuelle Ministerin, als unbestechlich gepriesen. Sie sollte das Beschaffungswesen kontrollieren und Korruption durch algorithmische Überwachung ausschalten. Mit dieser Entscheidung zog sich Rama internationale Aufmerksamkeit zu: Diella, benannt nach dem albanischen Wort für Sonne, ist weltweit die erste virtuelle Ministerin.
Der Schritt war Teil von Ramas Bestrebungen, Albanien bis 2030 in die EU zu führen. Doch bereits sechs Monate nach ihrer Ernennung steht Diella unter Beschuss: Glaubwürdigkeitsprobleme und eine Klage belasten das System.
Diella wurde am 19. Januar 2025 als Teil der nationalen Verwaltungsplattform E-Albania eingeführt, um Bürgern bei Behördengängen zu helfen. Bald erhielt sie einen visuellen Avatar mit einem gläsernen Gesicht und traditioneller albanischer Kleidung.
Die nationale Informationsagentur Akshi, die für die digitale Transformation Albaniens zuständig ist, entwickelte Diella in Kooperation mit Microsoft. Im Dezember geriet jedoch die Direktorin von Akshi sowie ihre Stellvertreterin ins Visier der Justiz. Ihnen wird vorgeworfen, einer kriminellen Organisation anzugehören, welche öffentliche Ausschreibungen manipulierte und Aufträge an befreundete Unternehmen vergab.
Medienberichten zufolge sollen durch diese Machenschaften 5 bis 10 Millionen Euro abgezweigt worden sein. Der Betrugsskandal schmälert die Glaubwürdigkeit von Diella, und Kritiker sehen in ihr eher eine Komplizin des Systems.
Von Anfang an gab es Bedenken wegen der fehlenden Transparenz: Unklar bleibt, mit welchen Daten sie gefüttert wird oder wer für ihre Entscheidungen verantwortlich ist. Auch die Verfassungsmäßigkeit und der rechtliche Status von Diella wurden in Frage gestellt.
Trotz der Kritik hält Rama an seiner virtuellen Ministerin fest, die weiterhin auf der Regierungswebsite geführt wird. Er verkündete zudem, dass 83 neue Bots als Assistenten für Abgeordnete eingesetzt werden sollen.
Ein zusätzlicher Konflikt entstand durch Anila Bisha, eine Schauspielerin, die der Regierung vorwarf, ihr Bild unrechtmäßig verwendet zu haben. Ihr Vertrag mit E-Albania lief Ende 2025 aus, und sie wehrte sich rechtlich gegen die weiterhin ungeklärte Nutzung ihres Gesichts für Diella. Die Regierungssprecherin bezeichnete die Klage als irrelevant.