Von Teilen der Verwaltung und Politik wird die Vorstellung vertreten, dass die Wirtschaft ohne Konsequenzen belastbar sei. Ein Blick auf Deutschland könnte hier als warnendes Beispiel dienen. Alt-Ständerat Ruedi Noser aus dem Kanton Zürich äußert Bedenken über die aktuelle Wirtschaftspolitik des Bundesrates, der sich mehrheitlich bürgerlicher Parteien zusammensetzt. In einer Zeit globaler Krisen – geprägt von Kriegen, Strafzöllen und technologischen Umbrüchen wie der KI-Revolution sowie demografischem Wandel und zunehmender Regulierung – sollten die Standortvorteile Schweiz’ verteidigt werden. Stattdessen opfert der Bundesrat in Eile jene Vorteile, die das Land im internationalen Wettbewerb lange ausgezeichnet haben. Unternehmen in der Schweiz zahlen Löhne, die zwischen 50 und 70 Prozent über dem europäischen Durchschnitt liegen, während sie auch hohe Miet- und Infrastrukturkosten tragen. Früher durch gut ausgebildetes Fachpersonal, günstige Finanzierungsbedingungen, niedrige Steuern und eine schlanke Regulierung kompensiert, sind diese Vorteile in den letzten Jahren erodiert oder sogar aktiv abgebaut worden. Der Steuervorteil gegenüber Städten wie Frankfurt ist bei Einkommen um 150.000 Franken weitgehend verschwunden. Die OECD-Mindeststeuer hat die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmensbesteuerung stark eingeschränkt, und strengere Kapitalvorschriften durch Basel III erhöhten die Finanzierungskosten für Schweizer Unternehmen erheblich. Ein weiteres Problem steht bevor: Der Bundesrat kündigt eine Verschärfung der Eigenmittelvorschriften für international tätige Banken an. Kurz vor Ostern schickte er zudem den indirekten Gegenvorschlag zur zweiten Konzernverantwortungsinitiative in die Vernehmlassung, basierend auf EU-Recht und teilweise darüber hinausgehend. Diese Maßnahme bringt für Schweizer Unternehmen zusätzliche bürokratische Lasten mit unsicherem Nutzen. Der Pharmastandort steht ebenfalls unter Druck durch US-Zollpolitik und neue Preisregelungen, die kleine Märkte wie die Schweiz benachteiligen. Der Zugang zu neuen Therapien hat sich verschlechtert. Eine Arbeitsgruppe des Bundesrates soll optimale Rahmenbedingungen schaffen; der Erfolg bleibt abzuwarten. In unsicheren Zeiten den Finanzplatz, den Pharmastandort und die exportorientierte Industrie zu schwächen – die tragenden Säulen der Schweizer Wertschöpfung – erinnert an Gottfried Kellers Seldwyla: eine Gemeinschaft, die munter an ihren eigenen Grundlagen rüttelt. Es gibt den Verdacht, dass Verwaltung und Politik glauben, die Wirtschaft unbegrenzt belasten zu können. Ein Blick auf Deutschland zeigt, wie sich einst als innovativer Industriestandort geltendes Land in eine stagnierende Wirtschaft verwandelte. Die Schweiz sollte aus diesen Fehlern lernen und ihre Wettbewerbsvorteile strategisch verteidigen.