Anstelle des Stigmatisierens bestimmter Gruppen ist mehr Ehrlichkeit in einer zentralen Diskussion gefragt: Entweder werden vermehrt Bautätigkeiten zugelassen, was das Land zersiedelt – oder die Zuwanderung muss begrenzt werden. Es ist erstaunlich, welche Vorschläge engagierte Beamte entwickeln. Die aktuellste Idee lautet: Um dem Mangel an Wohnraum in der Schweiz zu begegnen, sollen Babyboomer ihre Eigenheime räumen, um diesen Platz für andere nutzbar zu machen.
Das Bundesamt für Wohnungswesen hat diese Vision im «Blick» konkretisiert. Es gibt etwa 300 000 Einfamilienhäuser auf großen Parzellen, die oft unterbelegt sind und von einer zunehmend älteren Bevölkerung bewohnt werden. Diese Häuser eignen sich kaum für das selbstständige Wohnen im Alter, wie die Beamten betonen: Aufgrund ihrer Größe, hoher Unterhaltskosten, mangelnder Barrierefreiheit oder schlechter Anbindung an Läden und öffentlichen Verkehr.
Die Forderung lautet also: Ältere Menschen sollen sich verkleinern. Was könnte als Nächstes kommen? Vielleicht die Enteignung?
Dass solche Überlegungen undemokratisch sind, fällt den Beamten im Bundesamt für Wohnungswesen nicht auf. Sie konzentrieren sich stattdessen auf planwirtschaftliche Möglichkeiten nach einem «breiten Generationenwechsel»: «Diese Situation bietet Chancen für eine qualitativ hochwertige und sozialverträgliche Verdichtung.”
Es ist überraschend, dass das Einfamilienhaus, einst Symbol des Wohlstandsversprechens, nun in den Augen der Bundesämter durch «geringe Flächen- und Wohnraumnutzung» negativ bewertet wird.
Die professionellen Diskriminierungsbekämpfer und Minderheitenbeschützer schweigen still, denn die betroffene Gruppe ist zu homogen: zu schweizerisch, zu wohlhabend und zu einflussreich (insbesondere an der Urne). Dass Behörden sich so leichtfertig mit einer mächtigen Wählerschicht anlegen, ist fast mutig.
Diese Vorstellung ändert jedoch nichts daran, dass die Wohnungsknappheit nicht durch eine Verkleinerung der Babyboomer gelöst werden kann. Selbst wenn sie den Vorschlägen folgten, wäre das Problem nicht behoben.
Denn tatsächlich sind es nicht die Babyboomer, sondern vor allem die Zuwanderung in den letzten Jahren, die für 60 Prozent der Haushaltsgründungen verantwortlich ist. Dies betont auch Martin Tschirren, Direktor des Bundesamts für Wohnungswesen, in Interviews.
2000 gab es in der Schweiz etwa 3,6 Millionen Wohnungen; bis 2024 stieg die Zahl auf 4,85 Millionen. Bei einem Bevölkerungszuwachs von 100 000 durch Zuwanderung sind rund 45 000 neue Wohnungen nötig. Der Umzug eines Babyboomers in eine kleinere Wohnung würde kaum einen ausgleichenden Effekt erzielen.
Durchschnittlich wohnen wir alle auf fast 50 Quadratmetern pro Kopf, während es 1980 noch 34 waren.
Um das Wohnungsproblem zu lösen, sind laut Rudolf Strahm von der SP mehr Bauaktivitäten notwendig. Dafür ist eine Lockerung des Raumplanungsgesetzes erforderlich, mit neuen Ein- und Aufzonungen sowie beschleunigte Bauverfahren und weniger Einsprachen. Dies führt jedoch zur Zersiedelung des Landes. Alternativ könnte die Zuwanderung reduziert werden.
Der Versuch, Babyboomer zu regulieren, die ihr Eigenheim selbst finanzierten, ist keine geeignete Lösung.