Trotz der Tatsache, dass die Schweiz zu den wohlhabendsten Ländern zählt, verbreiten fast alle Parteien ein Bild wirtschaftlicher Not. Dies könnte eine sich selbst erfüllende Prophezeiung heraufbeschwören. Politische Diskurse der letzten Monate suggerieren, dass die Schweizer nicht erkennen, wie gut es ihnen wirklich geht, was zu einer allgemeinen Stimmungsverschlechterung führt. Traditionell malen Parteien am linken und rechten Rand ein düsteres Bild: Linke Parteien beschuldigen böse Konzerne und Vermieter der Ausplünderung, während die Rechte von kriminellen Massenzuwanderungen spricht, die Jobs und Sicherheit bedrohen. Überraschend hat nun auch die FDP ihren Optimismus verloren. In einer Stellungnahme zur Finanzierung der 13. AHV-Rente behauptet sie, die Bevölkerung sei „knapp bei Kasse“, was im Gegensatz zu ihrer traditionellen liberalen Haltung steht. Die FDP spricht von finanzieller Unsicherheit und einer schwindenden Kaufkraft, Begriffe, die zuvor vor allem von Gewerkschaften genutzt wurden. Mit ihrer Kritik an den Finanzierungsplänen der Linken und Mittelparteien – die eine Erhöhung der Mehrwertsteuer und Lohnbeiträge vorschlagen – will sie diese ablehnen, ohne jedoch die Schweizer als armutsgefährdet zu brandmarken. Statistische Daten zeigen jedoch, dass die Reallohnentwicklung positiv ist: Trotz Krisen wie der Pandemie und dem Ukraine-Krieg sind die Löhne gestiegen. Die Einkommensverteilung zeigt keine signifikanten Verschiebungen im Mittelstand, was das Bild einer schrumpfenden Wohlstandsmitte widerlegt. Parteipolitisch scheint der Pessimismus allerdings lukrativ zu sein: Linke Parteien nutzen ihn zur Begründung sozialpolitischer Ausweitungen, während die Rechten auf Zuwanderungsprobleme pochen. Auch Mitte-Parteien adaptieren diese Rhetorik, wie bei der Kampagne gegen „Heiratsstrafen“ in Steuern und AHV. Die Gefahr liegt darin, dass Parteien sich gegenseitig überbieten, um Minderheiten anzusprechen, was den gesellschaftlichen Zusammenhalt schwächt. Wenn auch die FDP diesem Trend folgt, könnte dies weitreichende Folgen haben – besonders wenn wirtschaftliche Herausforderungen wie steigende Energiepreise hinzukommen. Die Frage bleibt: Wo ist der Gemeinsinn geblieben, wenn Parteien nur noch für sich werben und die Bevölkerung in vermeintlich benachteiligte Gruppen einteilen?