Nachfragen werden zunehmend als Grenzverletzung betrachtet. Unter dem Begriff «Erklärarbeit» wird alltägliche Interaktion mit moralischen Konnotationen belegt, was bis zur Vorstellung reicht, Antworten müssten vergütet werden – eine Polemik. Fragt man einen Menschen nach einem fremd klingenden Namen nach seiner Herkunft und erfährt, er sei in Deutschland geboren von griechischem Vater, so empfindet er das nicht als diskriminierende «Aufklärungsarbeit», sondern vielmehr als gesellschaftliche Normalität. Neugierde treibt Menschen dazu, Fragen zur Herkunft oder Prägung zu stellen. Dennoch kann eine solche Frage unhöflich oder abwertend formuliert werden. Eine Gesellschaft, die echtes Interesse nicht von negativer Markierung unterscheiden kann, droht in Sprachlosigkeit zu verfallen. Mein Unbehagen richtet sich gegen den Begriff «Erklärarbeit», der zusätzlichen Aufwand beschreibt, Positionen oder Kompetenzen immer wieder darlegen zu müssen. Der Ausdruck findet vor allem in Geschlechterforschung und diskriminierungskritischen Debatten Verwendung. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» thematisierte auf Instagram unter dem Schlagwort «epistemische Ausbeutung», dass marginalisierten Menschen keine «Gratisaufklärung» schuldig sei. Dazu zählt, dass Schwarze Weissen Rassismus erklären oder Frauen Männern Sexismus beweisen müssten. Diese epistemische Arbeit, so die FAZ unter Berufung auf Nora Berenstein, sei ausbeuterisch, da sie weder anerkannt noch bezahlt werde und emotional belastend sein könne. Zeit und Energie für diese unbezahlte Arbeit fehlen dann den Betroffenen für eigene Projekte. Der Gedanke ist nachvollziehbar: Wiederkehrende skeptische Fragen können ermüdend wirken. Doch wird er problematisch, wenn alltägliche Kommunikation pauschal als Herrschaft interpretiert wird. Nicht jede Erklärungsaufforderung bedeutet Ausbeutung. Verständigung entsteht durch Fragestellungen und Korrekturen. Ein Instagram-Nutzer mit Behinderung kritisierte die Logik des FAZ-Beitrags, berichtete von konkreten Alltagsproblemen und viel Hilfsbereitschaft. Die pauschale Marginalisierung fühlte sich bevormundend an und zeigt, dass theoretische Raster oft persönliche Erfahrungen überformen. Ein Dilemma besteht darin: Einerseits sollen bestimmte Diskriminierungserfahrungen mehr Gehör finden, andererseits wird jede Nachfrage verteufelt. Wer öffentlich sprechen möchte, kann Gesprächszumutungen nicht ignorieren. Die Debatte verkommt zum Problem, wenn Antworten als vergütungspflichtige Leistungen gesehen werden – eine Neoliberalisierung des Aktivismus. Bildungsarbeit ist Arbeit und soll honoriert werden, doch alltägliche Auskünfte sollten nicht gleich monetarisiert werden. Die FAZ-Tipps, sich umfangreich zu informieren, bevor man Fragen stellt, sind lebensfremd. Nicht jeder kann vor jeder Frage ein Studium absolvieren. Fragen sind Anfang der Denkarbeit und unerlässlich für das Gesellschaftsleben. Wenn jeder Fehltritt als Übergriff gedeutet wird, steigen die Kosten des Sprechens so hoch, dass am Ende eher geschwiegen wird.