Über drei Jahrzehnte hat sich Martin Bölsterli, ein 83-jähriger Maschineningenieur aus dem Aargau, eine beeindruckende Sammlung von über 140 Aktfotografien angeeignet. Diese umfasst Aufnahmen nackter Frauenkörper aus mehr als hundertfünfzig Jahren und erstreckt sich in seinem Züricher Heim am Zürichsee. Unter den vertretenen Fotografinnen und Fotografen finden sich Namen wie Annie Leibovitz und Herb Ritts.
Trotz der sexuellen Thematik betont Bölsterli, dass seine Sammlung weit davon entfernt sei, auf Erotik ausgerichtet zu sein. Vielmehr seien die abstrahierten Aspekte in den Werken von Bedeutung. Interessanterweise enthält sie keine Männerakte – ein persönlicher Geschmack, der jedoch auch vom sinnlichen Reiz motiviert ist. In Bölsterlis Augen steht vor allem das Spiel mit Licht und Schatten im Mittelpunkt seiner Sammlung, die überwiegend aus Schwarz-Weiß-Bildern besteht.
Im digitalen Zeitalter verliert Nacktheit oft an Exklusivität; doch in dieser Kollektion stehen die künstlerische Komposition und das handwerkliche Geschick der Fotografie im Vordergrund. Bölsterlis Sammlung erzählt somit auch von der Entwicklungsgeschichte der Fotografie selbst. Oft entschieden sich Kaufentscheidungen für Stücke, um eine Lücke in seiner Kollektion zu schließen, und nicht nur aus persönlicher Vorliebe.
Seine Leidenschaft begann während seines Studiums an der ETH Zürich mit dem Sammeln von Grafiken. Eine entscheidende Wende kam mit dem Erwerb einer legendären Aufnahme von Herb Ritts, die Bölsterli zu Aktaufnahmen mit skulpturaler Qualität führte. Frühe und signierte Handabzüge bevorzugt er gegenüber späten Versionen – ein Sammlerstolz mehr als eine Wertanlage.
In seiner Sammlung finden sich Arbeiten von Edward Weston, Alfred Stieglitz und Man Ray; deren Originalabzüge ließen sich jedoch nicht leisten. Daher setzt er auf zertifizierte Late Prints.
Bölsterli wuchs in einem kunstaffinen Umfeld auf und entwickelte früh eine Leidenschaft für Kunst, die später durch Geschichten rund um seine Sammlungsstücke bereichert wurde. Ein Beispiel ist ein Bild von Marilyn Monroe, dessen Entstehungsgeschichte ihm zusätzlichen Wert verlieh.
Ein Highlight seiner Kollektion ist ein Werk von René Groebli aus der Serie «Das Auge der Liebe». Es zeigt eine intime und verträumte Szene ohne Voyeurismus.
Seine Sammlung, die sowohl in der Tradition antiker Skulpturen als auch aktueller Diskussionen steht, zeigt Werke von fast einem Drittel Fotografinnen. Dies betont Bölsterli gegenüber den Ansichten, Aktfotografie sei eine Fortsetzung weiblicher Unterdrückung.
Seine Frau Gitti Hug sieht die Sammlung mit Humor und Gelassenheit. Die Ausstellung «Body Sculpture» im Moyo ermöglicht erstmals einem breiten Publikum Einblick in diese einzigartige Privatsammlung, wobei der Raum eine symbolische Verbindung zu Bölsterlis beruflicher Vergangenheit darstellt.
Martin Bölsterli bleibt sich treu: Aktbilder mögen für ihn nicht alltägliche Nacktheit wie FKK-Strände ersetzen können – sie bieten einzigartige ästhetische Erfahrungen, die im Alltag selten zu finden sind.