Der Bremgartenfriedhof, Berns ältester Friedhof, ist mittlerweile mehr als nur ein Ruheplatz für Verstorbene. Menschen kommen hierher zum Spazierengehen, um im Schatten von Schwarzföhren zu lesen oder Kinder spielen auf der 16 Hektar großen Grünfläche, wo Persönlichkeiten wie Michail Bakunin und Mani Matter begraben liegen. Es gibt Grabfelder für verschiedene Religionen sowie einen Bereich für Konfessionslose, und bald soll sich auch die Beisetzung mit Haustieren anbieten – ein Zeichen dafür, dass sowohl der Friedhof als auch seine Nutzer sich wandeln.
Seit März erwartet Besucher auf dem Bremgartenfriedhof nun noch eine weitere Attraktion: das erste Friedhofsrestaurant der Schweiz, “La Vie”, welches in den ehemaligen Urnenhallen eröffnet hat. Die Initiative hierfür ging von der “bernischen Genossenschaft für Feuerbestattung” aus, deren Denkmalschutz-objektierende Räumlichkeiten bisher ungenutzt blieben.
An einem Dienstag kurz nach Eröffnung ist das Restaurant gut besucht. Die Gäste sind elegant gekleidet und unterhalten sich angeregt, wohl als Auszeit vom Büroalltag. Ein Gespräch über Mountainbiken neben Aktionärsbindungsverträgen mischt sich mit dem Blick auf den sanften Frühling und die umliegenden Grabsteine.
Die renovierten Urnenhallen präsentieren sich nun in warmem Eichenparkett, goldenen Lampen und Stuhlpolstern in Altrosa sowie Petrolgrün. Die einstigen Urnennischen sind mit Zimmerpflanzen und Lichterketten geschmückt.
“La Vie” vereint Trauer und Leichtigkeit: Es bietet sowohl für alltägliche Gäste als auch für die kulinarische Begleitung bei Trauerfeiern Platz. Hier können Gruppen nach Abschiedszeremonien zusammenkommen, um den alten Brauch des “Grebt”, wie das Beisammensein beim Essen nach Beerdigungen im Berndeutschen genannt wird, zu pflegen.
In vielen Kulturen ist es Brauch, gemeinsam zu essen, um Verstorbene zu ehren. Während in Mexiko der Tag der Toten mit Speisen wie “Pan de muerto” begangen wird, gibt es andere Traditionen, die Essen direkt den Toten anbieten oder ein Gedeck für sie aufstellen.
Auch wenn Trauerrituale in der säkularisierten westeuropäischen Gesellschaft schwinden und religiöse Beerdigungen seltener werden, hält sich der Brauch des gemeinsamen Essens.
Küchenchef Stefan Wälti, der früher im Bundeshaus kochte, verspricht, alle Menüwünsche zu erfüllen. Sein Ziel ist es, den Trauernden einen würdigen Abschied mit lieb gewonnenen Gerichten ihrer Verstorbenen zu ermöglichen. Er betont die Bedeutung der Mahlzeit als Raum für emotionale Momente und Erinnerungen.
Die Religionswissenschaftlerin Dorothea Lüddeckens von der Universität Zürich erklärt, dass gemeinsames Essen zeigt, wie eine Gemeinschaft trotz Verlust lebt. Es symbolisiert Leben im Kontrast zum Tod und bietet Raum für emotionale Heilung.
In Italien etwa ist es Tradition, trauernde Familien nicht selbst kochen zu lassen. Lüddeckens sieht darin eine direkte Form der Fürsorge, die Trauernden Zeit gibt, sich auf das Alltagsleben zurückzuziehen.
Essen als Ausdruck von Mitgefühl ermöglicht es, auch ohne Worte Unterstützung zu bieten. Es ist eine zugängliche Form des Trostes in einer individualisierten Gesellschaft, die nach neuen Ritualen sucht.
Stefan Wälti verweist darauf, dass Gerüche und Geschmäcker Erinnerungen wecken, ähnlich wie Musik. Zum Abschluss serviert er seinen Gästen ein griechisches Joghurtmousse mit Honig und Mandelcrumble.
Während das Restaurant langsam leerer wird, bleibt die Neugier der Besucher bestehen – es scheint fast so, als würde sich auch auf dem Bremgartenfriedhof bald das Gerücht verbreiten, dass man an jeder “Grebt” diese zwei oder drei älteren Menschen findet, deren Hauptmotiv nicht Trauer ist, sondern der Genuss eines guten Essens.