Schon als Kind schätzte ich den Mittagsschlaf und genoss die Zeit alleine währenddessen. Mein Vater nahm sich immer eine Ruhepause, was mir ermöglichte, mich zu entspannen. Auch im Studium nutzte ich zwischendurch kurze Nickerchen zur Erholung. Als Mutter wuchs meine Wertschätzung für diese Auszeit weiter: Die Stunde des Mittagsschlafs meiner Kinder wurde zum Rückzugspunkt in meinem hektischen Alltag.
Heute sind die Kinder erwachsen und ich selbst lege seltener einen Mittagsschlaf ein. Sich im Büro auszuruhen, scheint unangebracht – trotz verlockender Sofas. Der Eindruck der Faulheit ist fürchtenswert. Diese Auszeit hat sich in meinem Alltag aufgelöst.
Philosoph Ben Rakidžija verteidigt die Essenz des Mittagsschlafs in seinem Buch «Verteidigung des Mittagsschlafs» (Königshausen & Neumann, 2024). In einer fiktiven Anklage gegen den Mittagsschlaf im Land Tasmunien steht er unter Beschuldigung der Trägheit. Rakidžija argumentiert jedoch poetisch: «Man kann sich niederlegen, ohne es als Niederlage zu nehmen.»
Die Geschichte reflektiert die Leistungsgesellschaft, besonders in Regionen wie Schwaben, wo das Motto «Schaffe, schaffe, Häusle baue» herrscht. Dennoch gibt es viele, die einen Mittagsschlaf lieben oder wenigstens geheim praktizieren: Ein Grund für den Bestseller-Status des Buches.
Rakidžija sieht im Mittagsschlaf eine Gelegenheit zum Loslassen und Sich-fallen-lassen. In einer rastlosen Zeit bietet er Ruhe, die zur besseren Verarbeitung von Informationen beiträgt. Sein Ansatz ist das daoistische Prinzip des Wu Wei: geschehen lassen.
Schlafforscherin Christine Blume bestätigt aus wissenschaftlicher Sicht, dass ein kurzer Mittagsschlaf die Informationsverarbeitung verbessern kann, wie eine kürzlich publizierte Studie zeigt. Dennoch warnt sie: Die Bedingungen sind nicht für jeden optimal.
Nachtschlaf ist ideal, doch viele Menschen leiden an Schlafmangel. Hier kann ein Mittagsschlaf Abhilfe schaffen – wenn er richtig praktiziert wird: zehn bis dreißig Minuten und nicht zu spät am Tag.
Blume betont die Individualität des Schlafs. Ein Mittagsschlaf sollte freiwillig sein, um den Nachtschlaf nicht zu beeinträchtigen. Wünschenswert wäre es, individuelle Lösungen zu ermöglichen, auch im Berufsleben.
In Rakidžijas Buch wird der Mittagsschlaf letztlich freigesprochen: Im Gerichtssaal schlafen alle ein, einschließlich des Königs. Sein Traum macht den Mittagsschlaf zum Berater, was die Bedeutung dieser Pause unterstreicht.
Ist es an der Zeit, sich selbst im Büro hinzuwerfen und die Meinungen der Kollegen hinten anzustellen?
Radio SRF 2 Kultur, 30.3.2026, 8:05 Uhr;liea