Lidia Morawska, eine renommierte Aerosolforscherin und Physikerin der Queensland University of Technology in Australien, berichtet über ihren erfolglosen Versuch, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu früherer Anerkennung der luftgetragenen Übertragung des Coronavirus Sars-CoV-2 zu bewegen. Die WHO hatte lange behauptet, dass das Virus hauptsächlich durch größere Tröpfchen und kontaminierte Oberflächen verbreitet wird, während die Ansteckung über Aerosole explizit ausgeschlossen wurde. Nach der Pandemie setzte der Deutsche Bundestag im September 2020 eine Enquête-Kommission ein, um den Umgang mit der Krise zu untersuchen und zu klären, wie wissenschaftliche Erkenntnisse in politische Entscheidungen eingeflossen sind. Die WHO erkannte erst im Juli 2020 die Luftübertragung als einen möglichen Übertragungsweg an, obwohl Millionen Menschen weltweit infiziert waren. Morawska hatte bereits während der Sars-Epidemie 2003 die Bedeutung von Aerosolen erkannt und ihre Forschungen darauf ausgerichtet. Ihre Expertise führte zur Gründung der Group of 36, einer interdisziplinären Expertengruppe, die sich frühzeitig für eine Überprüfung der WHO-Standpunkte einsetzte. Trotz ihrer Bemühungen blieb die WHO zunächst bei ihren Annahmen, wobei Morawska und ihre Kollegen mit Ablehnung und Zweifeln konfrontiert wurden. In einem Gespräch mit der NZZ beschreibt Morawska, wie sie zu ihrem Forschungsfeld kam: Ursprünglich in der Kernphysik tätig, wechselte sie zur Untersuchung luftgetragener Partikel. Ihre Arbeiten während der Sars-Epidemie bildeten die Basis für ihre Erkenntnisse zur Übertragung von Covid-19 über Aerosole. Die Forscherin betont die Bedeutung gut sitzender Masken, Lüften und Raumluftqualität als Schutzmaßnahmen. Trotz der anfänglichen Widerstände gelang es ihr schließlich, durch Publikationen in Fachzeitschriften die Debatte anzufachen. Morawska zieht aus dieser Erfahrung Lehren: Die schnelle und offene Aufnahme wissenschaftlicher Evidenz ist essenziell, ebenso wie verbindliche Standards für Innenraumluft. Institutionen wie die WHO müssten lernen, nicht bestehende Paradigmen zu ignorieren, um ihre Glaubwürdigkeit zu bewahren.