Benedikt Weibel, ehemaliger Chef der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB), sieht die anhaltenden Beschwerden über Platzmangel in Zügen kritisch. Während seiner 20-jährigen Amtszeit bei den SBB hat er regelmäßig Reisen mit dem Zug unternommen und stets einen Sitzplatz gefunden, solange er bereit war, auch die 2. Klasse zu nutzen. Er hält das Thema „Dichtestress“ für übertrieben und weist darauf hin, dass Verkehrsprobleme nur auf Rang 18 der Sorgen der Schweizer Bevölkerung im Jahr 2025 gelistet sind.
Der massive Unterhaltsrückstand von 9,5 Milliarden Franken bei den SBB sieht Weibel als das Ergebnis einer Vernachlässigung durch die jetzige Führung. Er kritisiert deren Strategie, mehr Bundesmittel für den Unterhalt zu fordern, da der Bahnfonds bereits gut ausgestattet sei. Stattdessen plädiert er dafür, vorhandene Mittel besser einzusetzen und sich nicht auf weitere Ausbauprojekte zu konzentrieren, die das Problem noch verschlimmern könnten.
Weibel argumentiert, dass die SBB in der Vergangenheit versäumt haben, den Politikern klarzumachen, dass zwischen Ausbau und Unterhalt ein Missverhältnis bestand. Er betont, dass es an Mut gefehlt habe, gegenüber den Kantonen und der Bundesverwaltung Stellung zu beziehen. Dies hat zur Folge gehabt, dass viele Projekte geplant wurden, die sich wirtschaftlich nicht rechtfertigen lassen.
Der ehemalige SBB-Chef schlägt vor, zunächst dem Unterhalt oberste Priorität einzuräumen und alle neuen Ausbauprojekte bis zur Klärung einer digitalisierten Zukunft der Bahn zu stoppen. Die Digitalisierung des Bahnsystems bietet immense Möglichkeiten – von ATO (Automatic Train Operation) über digitale Stellwerke bis hin zum Einsatz künstlicher Intelligenz. Diese technologischen Fortschritte könnten die Kapazitäten erhöhen, ohne auf teure Infrastrukturprojekte angewiesen zu sein.
Die Schweiz stehe bei der Digitalisierung im Vergleich mit anderen Ländern wie Italien noch am Anfang. Weibel sieht es als dringend erforderlich an, einen Fahrplan für die Digitalisierung zu entwickeln, bevor weitere Ausbauprojekte in Angriff genommen werden. Er plädiert dafür, den Fokus zunächst auf den Substanzerhalt und dann auf eine umfassende Digitalisierungsstrategie zu legen, bevor der Bahnausbau neu geplant wird.