Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat neue Maßnahmen für den Frauensport eingeführt, die von Athletinnen verlangen, einen genetischen Geschlechtertest zu absolvieren. Transfrauen werden zukünftig nicht mehr zugelassen. Die Zielsetzung dieser Richtlinien ist laut IOC eine stärkere Fairness im Frauenwettbewerb. Doch ob dies tatsächlich erreicht wird, steht zur Debatte. Der Soziologe Dennis Krämer von der Universität Münster, Experte für Geschlechterdiversität im Sport, äußert sich skeptisch.
Dennis Krämer betont, dass Fairness in unserer Gesellschaft auf kollektiven Übereinkünften beruht. Ein Wettkampf zwischen einem Erwachsenen und einem Kind wäre beispielsweise nicht fair. Im Spitzensport ist Fairness eng mit Chancengleichheit verknüpft, was bedeutet, dass Athleten unter möglichst gleichen Bedingungen antreten sollten – ähnlich wie in Arbeits- oder Bildungssystemen.
Das IOC setzt nun auf wissenschaftliche Messungen durch Genscreening. Ist dieser Ansatz jedoch angemessen? Krämer argumentiert, dass der geplante einmalige SRY-Gentest unzureichend ist. Viele leistungsrelevante Faktoren bleiben dabei unbeachtet – beispielsweise die Ausprägung von Geschlechtsmerkmalen während der Pubertät oder individuelle körperliche Veranlagungen.
Trotzdem besteht das IOC darauf, dass Sportereignisse in Kategorien stattfinden sollten. Wie kann Fairness unter diesen Umständen garantiert werden? Krämer sieht den Ansatz als zu simpel an und betont, dass es nicht nur um Männer oder „unfaire“ Körper geht, die die Chancengleichheit bedrohen könnten. Er verweist auf sportmedizinische Untersuchungen, welche keine signifikanten Leistungsunterschiede zwischen trans- und cisgeschlechtlichen Athleten feststellen.
Zusätzlich sieht Krämer in den neuen Regeln einen politischen Rückschritt, da mehr als 20 Staaten mittlerweile ein drittes Geschlecht anerkennen. In seiner Forschung hat er niemanden getroffen, der sich aus kurzfristigen sportlichen Vorteilen heraus einer Geschlechtsanpassung unterzieht.
Aus seiner Sicht sollte die Teilnahme von inter- und transgeschlechtlichen Personen stärker an Selbstbestimmungsrechten orientiert werden. Sport sei per Definition immer unfair, da viele Faktoren wie Größe oder Talent eine Rolle spielen – Aspekte, die ein einzelnes Gen nicht abbilden kann.
Das Gespräch führte Rachel Beroggi. (SRF 4 News, 30.03.2026, 06:20 Uhr)