Das Lausanner Unternehmen Giotto.ai hat ein KI-Modell auf den Markt gebracht, das laut Firmenangaben mit “Silicon Valley-Leistung” aufwartet. Im Wettbewerb um die dominierenden Sprachmodelle in den USA und China ist Europa bisher kaum vertreten. Doch Giotto.ai bietet europäischen Unternehmen und Behörden eine Alternative an, die unabhängig von amerikanischer oder chinesischer Technologie arbeitet und gleichzeitig sicherstellt, dass sensible Daten nicht ins Ausland gelangen.
In Kooperation mit der Schweizer Armee und Ruag hat Giotto.ai ein KI-System entwickelt, das besonders effizient ist. Es funktioniert mit einem Bruchteil der Rechenleistung anderer Modelle, was die Firma nun in einer tragbaren Büroversion anbietet. Diese Workstation, ausgestattet mit zwei Nvidia RTX Pro Chips, kann von 20 bis 30 Mitarbeitern genutzt werden und kostet einmalig 60.000 Franken.
Für größere Unternehmen bietet Giotto.ai auch eine serverbasierte Version zum Doppelten des Preises an, die ebenfalls ohne eigene Hardware lizenziert werden kann. Mittelfristig plant das Unternehmen den Bau eines eigenen Datenzentrums in der Schweiz mit 5.000 bis 10.000 Halbleitern.
Die NZZ testete Giotto.s KI und lobte deren prägnante Antworten ohne Redundanzen, ein Problem vieler anderer Modelle. CEO Aldo Podestà verspricht “Silicon Valley-Leistung” zu Bruchteilen der Kosten von Big Tech. Dies wird ermöglicht, indem die Rechenleistung vor Ort stattfindet und keine Daten ins Ausland gelangen.
Das Unternehmen hat im letzten Jahr beim ARC Prize, einem Wettbewerb zur Beurteilung der fluiden Intelligenz von KI-Systemen, den zweiten Platz belegt. Dieser Ansatz unterscheidet sich grundlegend von jenen großer Anbieter, die versuchen, sämtliche Informationen in ihren Modellen zu speichern. Giotto löst das Gedächtnis aus dem Sprachmodell und benötigt lediglich 50 Gigabyte Daten.
Giotto.s KI sammelt notwendige Informationen selbstständig und halluziniert weniger als andere Systeme, da sie nicht einfach Token aneinanderreiht. Ein lukratives Übernahmeangebot aus dem Silicon Valley lehnte Giotto ab, um stattdessen eigene Wege zu gehen, mit dem Ziel, bis Ende des Jahres Gewinnschwelle zu erreichen.
Viele Schweizer Unternehmen wie Spitäler und Banken haben sich bereits für die KI von Giotto entschieden. Podestà betont, dass es wichtig sei, KI-Anwendungen in regulierten Umgebungen sicher zu gestalten. Entscheidungen durch KI sollten nachvollziehbar sein und jederzeit durch Menschen überwacht werden.
Podestà hebt die Bedeutung der Souveränität Europas bei kritischen Technologien wie der KI hervor, um wirtschaftlichen Wohlstand und militärische Sicherheit zu bewahren. Er sieht Gefahren darin, dass Europa zunehmend Abhängigkeiten in Bezug auf Cloud, Hardware und zukünftige KI-Dienste entwickelt.
Nach dem Verkauf eines früheren Modells an RQM+ konnte sich Giotto.ai vollständig der Grundlagenforschung widmen. Ob es als ernstzunehmende Alternative zu den großen Sprachmodellen gelingt, bleibt abzuwarten – ein Anspruch, den andere europäische Firmen bereits vorher verfolgten und nicht erreichen konnten.