Sven Streit, Arzt und Medizinprofessor, hat eine Initiative gegen überflüssige Bürokratie im Gesundheitsbereich gestartet. In einem Gespräch mit Andri Rostetter erläutert er die Probleme doppelter Formulare, unnötiger Kontrollen und sinnloser Arztzeugnisse.
Als Hausarzt legt Streit großen Wert darauf, während der Sprechstunde ungestört seinen Patientinnen und Patienten gegenüberzustehen. Er sieht in der Bürokratie eine Zeitfresserin und illustriert dies an einem Fall: Eine 50-jährige Patientin mit chronischen Schmerzen und psychischer Belastung benötigt eine Krankschreibung, was zu einer Welle von Rückfragen führt – vom Gesprächsangebot bis zur ausführlichen schriftlichen Dokumentation. Streit betont, dass er die sinnlosen Fragen nicht als Misstrauen versteht, sondern als Folge ungeprüfter Dokumentationspflichten.
Ein weiteres Problem sieht er in der automatisierten Rückfrage bei Medikamentenzulassungen und deren Kostenübernahme. Obwohl dies grundsätzlich nachvollziehbar sei, führe es zu unnötigem Aufwand. Streit fordert daher eine Anpassung der Bewilligungsdauer für solche Leistungen.
Die Frage nach inkompatiblen Systemen und fehlender Digitalisierung wird ebenfalls angesprochen. Er kritisiert die mangelnde Standardisierung bei den digitalen Prozessen im Gesundheitswesen, auch wenn Initiativen wie der Gesundheitsdatenraum Schweiz existieren. Streit wünscht sich hier eine stärkere politische Führung und Einbeziehung aller Beteiligten.
Ein Beispiel für einen bürokratischen Irrsinn ist die Notwendigkeit eines Arztzeugnisses vom ersten Arbeitstag an, was keinen medizinischen Nutzen bringt. Streit hält derartige Vorgänge für sinnlos und schlägt vor, dass Ärzte sich aktiv für ihre Patienten einsetzen sollten.
Für den ärztlichen Nachwuchs bedeutet die Bürokratie eine zusätzliche Belastung. Fast 30 Prozent der Medizinstudierenden sind unsicher, ob sie klinisch arbeiten wollen. Streit unterstreicht die Wichtigkeit von administrativer Ausbildung und zeigt auf, wie Ärzte sich für ihre Patienten engagieren können.
Zu den ersten Dingen, die er abschaffen würde, zählen Formulare für Pflegefachpersonen, automatische Rückfragen bei Osteoporose-Therapien und unnötige Arztzeugnisse ab dem ersten Arbeitstag. Streit betont auch, dass zusätzliche Praxispersonal zwar entlastend wirken kann, aber oft in administrativen Aufgaben untergeht.
Er setzt auf technische Lösungen wie Transkriptionsprogramme und Formulierungshilfen, sieht jedoch die Notwendigkeit, digitale Systeme sinnvoll zu vernetzen. Letztlich geht es Streit darum, dass medizinische Versorgung nicht durch Bürokratie beeinträchtigt wird: Eine Stunde Administration kostet eine Stunde Sprechstundenzeit, was direkte Auswirkungen auf die Betreuungsqualität hat.