Mit einer beeindruckenden Karriere von 14 Jahren beendete Ines Follador-Breitenmoser ihre Tätigkeit als erste Frau auf Deutschschweizer Ebene an der Spitze eines Männergefängnisses. Ursprünglich hatte sie nicht damit gerechnet, jemals hinter Gefängnismauern zu arbeiten. Im Alter von 50 Jahren suchte sie nach einer beruflichen Veränderung und bewarb sich spontan auf die Stelle als Direktorin der damaligen Justizvollzugsanstalt Sennhof in Chur. Die frühere PTT-Telefonistin hatte sich zuvor durch zahlreiche Weiterbildungen qualifiziert.
Ihr Menschlichkeitssinn ist ihr wichtig: “Für mich steht immer der Mensch im Mittelpunkt und nicht seine Tat, denn die Strafe wurde ja bereits erteilt,” so Follador. Jeden Tag führt sie Rundgänge in einer der modernsten Strafanstalten der Schweiz durch, wobei sie die Akten aller Insassen kennt.
Aktuell sind alle Plätze der Justizvollzugsanstalt Cazis Tignez belegt, mit 155 Häftlingen, die ihre Haftstrafen absitzen. Follador hat keine Hemmschwelle davor, sich mit den erschreckenden Details ihrer Arbeit auseinanderzusetzen: “Manchmal muss ich schon zwei-, dreimal schlucken, wenn ich lese, was da steht, aber es ist wichtig zu wissen, mit wem man es zu tun hat.” Oft spricht sie direkt mit den Insassen, um die Stimmung einzuschätzen. Einige Häftlinge vereinbaren sogar Termine, in der Hoffnung auf schnellere Entlassungen.
Follador erlebt keine Akzeptanzprobleme als weibliche Führungskraft im Gefängnis und verweist darauf: “Mein Aussehen mit meinen grauen Haaren verschafft mir Respekt, gerade auch bei Menschen aus anderen Kulturen.”
Ein herausfordernder Meilenstein ihrer Amtszeit war der Umzug aller Häftlinge von Sennhof in Chur 2020 unter strengen Sicherheitsvorkehrungen nach Cazis Tignez. Unter Folladors Leitung stieg die Anstalt auf das Dreifache an Insassen, sodass das Personal von 35 auf 120 Mitarbeiter ausgebaut werden musste.
Kurz nach der Eröffnung in Cazis kam es zu Kritik von Mitarbeitern über fehlenden Respekt und von rund 70 Häftlingen über unzureichende Haftbedingungen, wie das Freizeitangebot oder die intensive Überwachung. Trotzdem blieben diese Vorwürfe ohne negative Konsequenzen für Follador. Die Kritik wurde ernst genommen und Verbesserungen konnten umgesetzt werden.
Follador ist sich der Herausforderungen im Alltag bewusst, besonders wenn es darum geht, Menschen zu resozialisieren. Sie betont: “Es erfordert Weitblick und Konsequenz, über die Delikte hinwegzusehen und ‚nur‘ den Menschen zu sehen.”
Nach 14 Jahren tritt sie in den Ruhestand und plant, ein Beratungsbüro zu gründen. Damit hat sie zudem mehr Zeit für ihre zwei Enkel, denen sie gerne kleine Räubergeschichten erzählt – allerdings nicht vom Hotzenplotz.