Der dänische Radprofi Jonas Vingegaard wird am Freitag in Bulgarien sein Debüt beim Giro d’Italia geben, um dann im Juli zur Tour de France aufzubrechen. Während Kritiker diese Strategie als Notlösung betrachten, widersprechen Vingegaard und sein Team dieser Auffassung.
Nur die Elite der Radfahrer hat diesen Meilenstein erreicht: In der Geschichte gelang es lediglich acht Fahrern, den Giro d’Italia und zwei Monate später auch die Tour de France zu gewinnen. Zu ihnen zählen Legenden wie Fausto Coppi, Eddy Merckx, Miguel Indurain und als jüngster Tadej Pogacar im Jahr 2024.
In den letzten beiden Jahren hatte der 29-jährige Vingegaard gegen Pogacar das Nachsehen. Trotz seiner Siege bei der Tour in 2022 und 2023 triumphierte Pogacar in den darauf folgenden Jahren. Dieses Jahr will Vingegaard versuchen, seinen Kontrahenten im Juli zu entthronen, indem er zum ersten Mal gleichzeitig Giro und Tour fährt.
Die Italien-Rundfahrt startet am Freitag in Bulgarien mit drei Etappen dort. Die Frage nach dem Größenwahn wird kontrovers diskutiert, da Vingegaard zwei schwierige Jahre erlebt hat: 2024 erlitt er bei der Baskenland-Rundfahrt einen schweren Unfall und musste sich psychisch erholen. Bei der darauffolgenden Tour war er gegen Pogacar chancenlos, ein ähnliches Schicksal ereilte ihn im Folgejahr.
Vor dieser Saison sagte Vingegaard in einer Pressekonferenz: “Pogacar bleibt für mich der grosse Favorit bei der Tour. Aber ich bin überzeugt, dass ich sie gewinnen kann.” Er scheint sich seinem früheren Top-Niveau von 2022 und 2023 wieder anzunähern, was durch seine Siege beim Paris–Nizza-Rennen und der Katalonien-Rundfahrt belegt wird.
Kritiker vermuten jedoch, dass Vingegaards Doppelstart aus einer Notlage resultiert: Er rechne damit, den Gesamtsieg an der Tour auch 2026 zu verpassen. Daher konzentriere er sich auf den Giro, wo Pogacar nicht antritt. In Italien wird Vingegaard als Favorit angesehen, da andere Top-Fahrer wie Florian Lipowitz und Remco Evenepoel sich ausschließlich auf die Tour in Frankreich fokussieren.
Bei seinen Tour-Siegen war Vingegaard von einem starken Team unterstützt. Doch das niederländische Visma-Team erlebt einen Umbruch: Giro-Gewinner Simon Yates und Trainer Tim Heemskerk haben das Team verlassen. Sportdirektor Marc Reef betont, dass die Entscheidung für den Doppelstart auf umfangreichen Datenanalysen basiert, was Vismas Stärke ist.
Reef widerspricht der Ansicht, es sei ein Akt der Verzweiflung: Die Analysen zeigen, dass Vingegaards Leistung nach einer dreiwöchigen Rundfahrt gleich bleibt oder sogar steigt. Nach seiner Niederlage bei der Tour 2025 gewann er im September die Gesamtwertung der Vuelta. Ein Erfolg beim Giro würde ihn zum achten Fahrer machen, der alle drei Grand Tours gewonnen hat – ein Meilenstein, den auch Pogacar noch nicht erreicht hat.