Ein Betreuer einer Kita soll mindestens 15 Kinder missbraucht haben. Psychologin Myriam Thoma beleuchtet, wie frühkindliche Gewalterfahrungen das weitere Leben beeinflussen können.
Myriam Thoma ist Psychotherapeutin und Dozentin für Klinische Psychologie und Psychopathologie an der Universität Basel. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem auf Frühtraumatisierungen, und sie behandelt Betroffene therapeutisch.
In einem Gespräch mit SRF äußerte sich Thoma zur Erinnerungsfähigkeit der Opfer: “Bewusste Erinnerungen bilden sich meist im Alter von drei bis vier Jahren. Vorherige Erfahrungen werden eher nonverbal gespeichert, durch Körperempfindungen und Reaktionen.” Diese belastenden Erlebnisse hinterlassen Spuren, auch wenn sie später nicht explizit formuliert werden können.
Die Auswirkungen eines Missbrauchs im Kindesalter sind individuell unterschiedlich. Thoma zufolge hängen diese mit erlebtem Kontrollverlust und Hilflosigkeit zusammen und können zu posttraumatischen Belastungsstörungen, Angstzuständen sowie Depression führen. Betroffene haben oft ein vermindertes Selbstbild und Schwierigkeiten beim Knüpfen von Bindungen.
Eltern oder Bezugspersonen sollten den Kindern Sicherheit bieten und das Erlebte in altersgerechter Weise ansprechen, ohne es zu einem Tabuthema werden zu lassen. Professionelle Hilfe kann dabei unterstützen, die Balance zu finden und auch die eigenen Gefühle von Schuld und Angst zu verarbeiten.
Therapeutisch geht man traumafokussiert vor und konzentriert sich auf Beziehungsprobleme sowie die Etablierung eines stabilen Umfelds. Thoma betont, dass Betroffene häufig Schwierigkeiten mit Schuldgefühlen und Scham haben.
Der Missbrauch durch einen Kita-Betreuer stellt eine besondere Herausforderung dar, da das Vertrauen in die Institution selbst gebrochen wird. Dieser institutionelle Verrat kann die Folgen verstärken.
Das Ziel ist es, dass Betroffene ihr Trauma integrieren und darüber sprechen können, ohne emotional überwältigt zu werden. Die Opferhilfe Schweiz bietet vertrauliche und kostenlose Beratungen an. Auf der Webseite von Kinderschutz Schweiz finden sich ebenfalls Hilfsangebote.
Das Gespräch führte Hannah Göldi.