Der Zürcher Psychotherapeut Marc Heusser kritisiert, dass echte seelische Verletzungen nach Schockerlebnissen oft ignoriert werden und Betroffene nicht ernst genommen werden. Während in Katastrophenfällen wie der Brandkatastrophe von Silvester in Crans-Montana Trauma-Fachkräfte angefordert werden, wird bei häuslicher Gewalt oder Missbrauch weniger sensibel reagiert. Heusser, seit zwei Jahrzehnten im Bereich der Traumatherapie tätig und Gründer des Zürcher Kompetenzzentrums Daosoma zusammen mit Barbara Gazdik, spricht über die Herausforderungen bei der Diagnose von Traumafolgestörungen. Häufig werden Symptome fälschlicherweise als ADHS oder Depression diagnostiziert.
Heusser betont, dass echte Traumata oft übersehen werden, was zu Fehlinterpretationen und ungenügender Unterstützung führt. Er verweist auf Dissoziationen und Flashbacks als typische Anzeichen von Trauma: Ein Beispiel ist ein Jugendlicher, der unter der Folge eines missachteten Misshandlungstraumas litt und zuerst fälschlicherweise auf ADHS untersucht wurde. Die Symptome von Traumata können denen bei ADHS ähneln, wie innere Unruhe oder Schwierigkeiten beim Sitzen.
Traumatische Erlebnisse können eine Thanatose auslösen, einen Schutzmechanismus gegen absolute Hilflosigkeit. Diese Reaktion kann jedoch langfristige Probleme wie Dissoziation und Muskelverspannungen verursachen. Heusser erklärt weiterhin, dass traumatisierte Menschen oft Schwierigkeiten haben, sich selbst zu schützen und Grenzen zu setzen, besonders nach frühkindlichen Bindungstraumata.
Laut einer Studie der Universität Zürich sind etwa vier Prozent der Schweizer Jugendlichen von Traumafolgestörungen betroffen. Heusser weist darauf hin, dass viele psychische Erkrankungen wie Depressionen und Suchterkrankungen auf frühe Traumata zurückzuführen sein können. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen zudem ein erhöhtes Risiko für physische Krankheiten bei Personen mit frühem Trauma.
Nach schwerwiegenden Ereignissen, wie dem Unglück von Silvester in Crans-Montana, wird häufig rasch eine Traumatherapie empfohlen. Heusser warnt jedoch davor, dass solche Debriefings manchmal kontraproduktiv sein können und das Risiko für Traumaerkrankungen erhöhen.
Die neue Version des internationalen Diagnosehandbuchs ICD-11 beschreibt nun mehr als zwanzig unterschiedliche Traumafolgestörungsbilder, was die Komplexität und Vielfalt der Symptome widerspiegelt. Heusser unterstreicht den Fortschritt in der Forschung zu Trauma, wo individuell angepasste Therapien entscheidend sind. Eine sanfte Konfrontation mit traumatischen Erinnerungen kann helfen, diese neu und weniger belastend im Gehirn abzuspeichern. Methoden wie das Somatic Experiencing von Peter Levine spielen hierbei eine wichtige Rolle.