Eine neue Studie zeigt, dass sich eine Mehrheit der im Schweizer Milieu tätigen Prostituierten gegen die Kriminalisierung von Freiern ausspricht. Dieses Vorgehen, bekannt als das nordische Modell und bereits in Schweden umgesetzt, findet bei den Befragten wenig Zustimmung. Die Sozialarbeiterin Virginia Beljean führte an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) eine Umfrage mit 229 Personen durch und stellte fest, dass 71 Prozent gegen ein mögliches Sexkaufverbot sind. Nur 16 Prozent befürworten es, während 13 Prozent unentschlossen bleiben.
Die Meinungen zum nordischen Modell variieren je nach Alter, Arbeitsweise und Aufenthaltsstatus der Befragten. Ältere Prostituierte oder solche mit Schweizer Pass lehnen das Verbot häufiger ab, während jene auf dem Strassenstrich es eher akzeptieren könnten. Männliche Sexarbeitende sind mit 91 Prozent überwiegend dagegen, während nur 65 Prozent der Frauen dies tun. Unter den Befragten mit Schweizer Pass oder Niederlassungsbewilligung lehnt eine große Mehrheit von 85 Prozent das Modell ab; bei jenen mit EU-Visum sind es 65 Prozent. Personen mit unsicherem Aufenthaltsstatus stehen dem Verbot am positivsten gegenüber, wobei nur knapp die Hälfte sich dagegen ausspricht.
Beljean vermutet, dass besonders vulnerable Gruppen das Sexkaufverbot als Schutzmechanismus sehen oder mit verstärkter staatlicher Unterstützung rechnen. Sie warnt jedoch vor einem paternalistischen Ansatz und betont, dass es wichtig ist, Frauen die Handlungsmacht zu lassen.
Trotz fehlender belastbarer Statistiken gehen Experten davon aus, dass viele Prostituierte in prekären Verhältnissen leben. Diese sind jedoch unterrepräsentiert in Beljeans Sample, was die Repräsentativität der Studie einschränkt.
Die Umfrage zeigt, dass die meisten Befragten weder ein Verbot noch den Status quo bevorzugen würden; 52 Prozent möchten Sexarbeit als reguläre Arbeit betrachtet sehen. Ein Sexkaufverbot würde viele Befragte dazu zwingen, sich anzupassen: 41 Prozent planen einen Berufswechsel und 46 Prozent erwägen eine verdeckte Ausübung der Tätigkeit.
Kritiker bemängeln, dass das nordische Modell die Arbeitsbedingungen im Rotlichtmilieu gefährlicher machen könnte. Beljeans Studie bestätigt, dass viele Sexarbeitende ihre Sicherheit bei einem Verbot als bedroht sehen: 58 Prozent befürchten ein geringeres Einkommen und 47 Prozent gehen von mehr Gewalt aus. Bei denen mit unsicherem Aufenthaltsstatus ist die Meinung umgekehrt.
Beljeans Arbeit wird als tendenziell gegen das nordische Modell wahrgenommen, was sich in ihrer Wortwahl zeigt: Sie spricht von Sexarbeitenden statt Prostituierten und betont deren Autonomie. Die Studie wurde unter anderem mit Unterstützung von Procore durchgeführt, einer Organisation, die sich gegen das Modell positioniert.
Nathalie Schmidhauser vom Netzwerk Procore erkennt an, dass einige Sexarbeitende dem Kriminalisierungsmodell zustimmen, betont aber die Notwendigkeit weiterer Forschung. Olivia Frei von der Frauenzentrale Zürich kritisiert die Repräsentativität der Studie und unterstützt dennoch das nordische Modell aufgrund seiner umfassenden Maßnahmen.
Beljean sieht in einem Verbot keine Lösung für Menschenhandel und betont, dass es die Arbeit riskanter machen würde. Die Eidgenössische Kommission für Fragen zu sexuell übertragbaren Infektionen (Eksi) warnte zudem davor, dass solche Verbote die öffentliche Gesundheit gefährden könnten.