Für Monate wurde in der Schweiz intensiv über die Kosten der SRG verhandelt, ohne eine klare Vorstellung davon zu haben, was mit dem Geld finanziert werden soll. Die Halbierungsinitiative führte zu hitzigen Debatten um die Höhe des Beitrags – 200, 300 oder doch die traditionellen 335 Franken? Letztlich einigte man sich auf einen Kompromiss von 300 Franken. Doch das Absurde an diesem Abstimmungskampf war nicht der Streit über die Summe, sondern dass nie diskutiert wurde, wofür diese Milliarde künftig verwendet werden soll. Der Disput drehte sich um eine Infrastruktur mit bereits sichtbaren Rissen, während die Medienrealität sich grundlegend verändert hat. Der Service public im Jahr 2026 folgt einer Logik, die technisch stark von derjenigen des Gründungsjahres 1931 der SRG abweicht – ihrer Essenz jedoch erstaunlich ähnlich ist. Die SRG wurde vor hundert Jahren als Teil der „geistigen Landesverteidigung“ gegründet, um sich gegen ausländische Propaganda zu schützen. Damals ging es darum, wer die teure Infrastruktur wie Studios und Sendeturme besaß. Heute liegt der entscheidende Unterschied in der Bandbreite des Sendens und Empfangens: Während früher Sendefrequenzen knapp waren, stehen uns digitale Kanäle heute unbegrenzt zur Verfügung. Durch demokratisierte Technologie produziert jeder mit einem Smartphone Inhalte, die global verbreitet werden können. Mehr Inhalt ist nicht mehr das Ziel, sondern Teil des Problems. Die Herausforderung hat sich in der Software verlagert: Nicht mehr fremde Radiosender, sondern algorithmisch gestützte Desinformation bedrohen unsere Demokratie. Journalismus bleibt entscheidend für die Gesellschaft – weniger durch Content-Erzeugung als vielmehr durch Verifikation und Auffindbarkeit von Informationen. Die SRG sollte nicht versuchen, gegen Giganten wie OpenAI oder Google mit einem eigenen Schweizer Large Language Model anzutreten. Stattdessen kann sie wertvolle Daten bereitstellen, die kulturelle Nuancen und Dialekte berücksichtigen, um unabhängige KI-Projekte zu unterstützen. Service public 2026 bedeutet, digitale Rohstoffe so aufzubereiten, dass die Schweizer Identität im Zeitalter der Algorithmen erhalten bleibt. Die SRG muss zur Hüterin der Datensouveränität werden und verhindern, dass die Schweiz in einem digitalen Raum zu einer Kolonie wird. Um zukünftige Rollen zu verstehen, ist es hilfreich zu erkennen, was die SRG nicht mehr sein darf. Sie sollte sich nicht auf TV-Quoten oder Algorithmen aus dem Ausland konzentrieren, sondern als Markt-Enabler agieren und private Inhalte unterstützen. Die Plattform Play+ wird neu positioniert: Statt eines „Schweizer Netflix“ soll sie ein offener Marktplatz für alle Medienhäuser werden. Private Partner behalten die Kontrolle über ihre Daten und Einnahmen, während die SRG Reichweite und technische Unterstützung bietet. Ein neuer Algorithmus namens „Public Worthiness“ könnte dazu beitragen, dass Inhalte aus verschiedenen Regionen gezielt präsentiert werden und so den inneren Zusammenhalt fördern. Der Übergang von einem monolithischen Sender zu einem Infrastrukturdienstleister wird immer konkreter. Er findet auch Unterstützung in liberalen Kreisen, die eine staatliche Basisinfrastruktur als Katalysator für Wettbewerb sehen. Mit dem Wechsel an der Spitze zur neuen Führung unter Roger Elsener könnte sich die SRG neu orientieren – weg von Inhaltserzeugung hin zu Infrastrukturdiensten. Die 300-Franken-Gebühr ist somit eine Chance, um eine souveräne digitale Medienwelt in der Schweiz aufzubauen. Diese Souveränität kann die SRG nicht allein erreichen; sie benötigt das Engagement privater Medienhäuser.