Unter der Führung von Trainer Julian Schuster hat sich der SC Freiburg in beeindruckender Weise weiterentwickelt. In Istanbul tritt das Team als Underdog gegen Aston Villa an.
Kurz vor zwei Jahren schienen Meldungen aus Freiburg eher wie ein Abschiedslied zu klingen. Christian Streich, der langjährige Coach, entschied sich damals, seine Karriere beim SC Freiburg zu beenden; nach zwölf Jahren gab er seinen Platz frei. Kein Trainer wurde so stark mit seinem Verein identifiziert wie Streich – ein Phänomen, das auch die lange Verweildauer von Volker Finke widerspiegelt. Der Niedersachse führte Freiburg in die Bundesliga und verbrachte dort sechzehn Jahre.
Diese langjährigen Engagements deuten darauf hin, dass in Freiburg Dinge anders ablaufen als bei manchen Konkurrenten – traditionell, aber effektiv. Ist es nicht denkbar, dass ein weiterer Trainer diese Linie fortsetzt? Die Anzeichen sprechen dafür: Am Mittwoch steht Julian Schuster mit seiner Mannschaft im Europa-League-Finale in Istanbul gegen Aston Villa. Dies ist der bisher größte Erfolg der Freiburger.
Schuster ist vierzig Jahre alt und gehört zu den jüngeren Trainern der Bundesliga. Er scheint kaum auf höheren Erfahrungswert angewiesen gewesen zu sein, was auch an seiner pragmatischen Herangehensweise liegen könnte: Trotz Achtung des Freiburger Stils – gepflegtes Kurzpassspiel und kontrollierter Angriffsfußball – legte er Wert auf Stabilität. Erst im zweiten Jahr zeigte das Team den bekannten Offensivgeist.
Die Treffsicherheit bei der Trainerwahl ist legendär und hat dazu beigetragen, dass Freiburg trotz eines überschaubaren Budgets finanziell solide dasteht. Sportvorstand Oliver Leki betont, dass Abfindungen in Freiburg nie gezahlt wurden. Finke, Streich und auch Robin Dutt verließen den Verein freiwillig.
Obwohl Schuster nicht die Sendungsbewusstheit von Streich oder Finke hat, besteht im Klub kein Zweifel an seiner Eignung. Schon als Profi war er dem Verein verbunden und arbeitete als Verbindungstrainer zwischen den U-19-Junioren, der U-23 und der Bundesligamannschaft. Johan Manzambi, ein Schweizer Stammkraft seit seinem ersten Jahr im Profiteam, kennt Schuster aus dieser Zeit.
Sportliche Stabilität ist wertvoll, wenn sie mit einer soliden kaufmännischen Ausrichtung einhergeht. Der SC Freiburg kann hier als vorbildlich gelten. Mit dem Umzug zu einem neuen Stadion im Oktober 2021 wurde das richtige Risiko ergriffen. Laut Finanzvorstand Oliver Leki war der Prozess komplex und von Überzeugungsarbeit geprägt.
Das neue Stadion bietet Platz für knapp 35.000 Zuschauer, doch nicht jeder Fan kann zu jedem Spiel kommen, was Vorwürfe nach sich zieht. Die Spannung zwischen Wachstum und der Pflege der Stammkundschaft bleibt bestehen. Laut Leki ist dieses organische Wachstum eine große Chance für den Klub.
Trotz seiner geografischen Abgeschiedenheit hat Freiburg beträchtliche Strahlkraft im Dreiländereck Frankreich-Deutschland-Schweiz, was viele Fans anzieht. Der sportliche Erfolg der ersten Saison nach Streichs Weggang – die Qualifikation für die Champions League – war eine Sensation.
Die aktuelle Konstellation ermöglicht es Freiburg, sich zu konsolidieren und nicht mehr in den Abstiegskampf zu geraten. Laut Leki können Profis nun ordentlich verdienen, was längere Verträge erlaubt. Transfers für über 30 Millionen Euro waren früher unvorstellbar.
«Es läuft gerade ziemlich perfekt», sagte Routinier Matthias Ginter kürzlich. Nun gilt es, den Favoriten Aston Villa aus dem Rennen zu werfen.