Die SRF-Bestenliste des Mais zeichnet sich durch eine beeindruckende Vielfalt und literarische Eigenständigkeit aus. Erstmals beinhaltet die Liste sechs Titel, wobei drei dieser Bücher punktgleich den vierten Platz teilen.
Gianna Olinda Cadona hat mit ihrem Erzählband überzeugend eine Sammlung fesselnder Geschichten zusammengestellt, die in den letzten fünf Jahren entstanden sind. Die jüngere Autorin behandelt Themen wie Fremdheit und Zugehörigkeit mit einer atmosphärischen Dichte, die an die Größen des Kurzgeschichtenfachs erinnert.
Der Roman “Oroppa” von Salomé Abergel beginnt mit einem verschwundenen Protagonisten in Amsterdam – ein typischer Kriminalroman-Einstieg. Doch Safae el Khannoussi lenkt den Blick weg von der Aufklärung hin zu einer tiefgründigen Perspektive auf Europa.
Markus Orths’ “Die Enthusiasten” ist eine literarische Hommage an Laurence Sternes Werk, die sich mit dem Gedanken auseinandersetzt: Was geschieht, wenn KI bessere Literatur hervorbringt als der Mensch? In diesem fulminanten Roman wird diese befürchtete Möglichkeit glücklicherweise nicht Wirklichkeit.
Menasse erzählt in seinem Buch von einem früh pensionierten EU-Beamten, Franz Fiala. Trotz seiner tödlichen Krankheit möchte er dies vor seiner ebenfalls kranken Mutter verheimlichen. Menasse webt aus einer scharfzüngigen Analyse der EU eine emotionale Familiengeschichte rund um die Grenzen von Wahrhaftigkeit in Beziehungen.
Siri Hustvedt setzt ihrem 2024 verstorbenen Ehemann, dem berühmten US-Schriftsteller Paul Auster, in “Ghost Stories” ein tiefgründiges Denkmal. Das Buch reflektiert das Leben und Wirken des intellektuellen Glamour-Paares New Yorks mit Intimität.
In Julia Webers Werk kann die Protagonistin Ruth Menschen durch Küsse in Tiere verwandeln, was ihr ermöglicht, auf weltliche Ungerechtigkeiten anders zu reagieren. Doch auch sie steht vor tief menschlichen Krisen, die trotz ihrer Fähigkeiten nicht einfach aus der Welt geschafft werden können.
Zur Erstellung dieser Liste trugen 34 Jurymitglieder bei, die insgesamt 522 Punkte vergeben haben. Die SRF-Bestenliste wird monatlich von einer Fachjury zusammengestellt, bestehend aus 50 Expertinnen und Experten aus dem Literaturbereich.
Jedes Jurymitglied hat das Recht, bis zu vier Titel zu nominieren, vorausgesetzt die Veröffentlichung liegt nicht länger als sechs Monate zurück. Punkte werden addiert, um die Rangfolge zu ermitteln; jeder Titel kann nach dreimaliger Nennung nicht mehr aufgenommen werden.
Um Transparenz und Unparteilichkeit zu gewährleisten, dürfen Bücher von Jury-Mitgliedern selbst nicht nominiert werden.
Radio SRF 1, 20.4.2026, 14:06 Uhr