Der Wind lässt sich nicht zähmen, doch die Vermeidung von Unfällen ist möglich, wenn Zusammenarbeit stattfindet. Leider geschieht das Gegenteil der Fall. In der vergangenen Woche ereignete sich am Titlis ein Gondelabsturz, der eine Passagierin tötete; starker Wind wird als wahrscheinliche Ursache vermutet. Während die Untersuchungen noch im Gange sind, weichen Verantwortlichkeiten hin und her: Die Titlis-Bergbahnen, Hersteller Doppelmayr-Garaventa und die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) rechtfertigen sich gegenseitig. Alle Beteiligten zeigen Anzeichen von Nervosität. Ende Mai wird der neue Gipfelturm auf 3020 Metern über Meer eingeweiht – ein Prestigeobjekt für den Titlis. Für Garaventa steht viel auf dem Spiel, da die Schweiz einer der bedeutendsten Seilbahnmärkte ist. Die Sust bedenkt, dass nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana kein Eindruck einer ungenügenden Aufsicht in der Schweiz verbleiben darf. Zentral sind das Personalverhalten und die technischen Aspekte der Gondelbahn: Unklar bleibt, ob die Bahnpersonal schnell genug reagierte, als Windgeschwindigkeiten kritische Werte erreichten. Obwohl Böen schwer vorherzusagen sind, ist Vorsicht bei Sicherheitsfragen angebracht. Kann eine Gondel durch starken Wind weit seitlich von ihrer Fahrtrichtung abgelenkt werden, besteht die Gefahr einer Kollision mit Stützen oder Anbauten. Fängt sich die Kabine darin und zieht das Seil weiter, könnte die Gondel abreissen – so vermutet man den Ablauf des Unglücks. 2019 stürzte ebenfalls eine unbesetzte Garaventa-Gondel an der Rotenflue in der Schwyzer Mythenregion ab. Im Jahr 2022 bot Garaventa allen Betreibern dieses Modells ein Sicherheitsupgrade an: Ein Aufsatz an der Klemme sollte das Verhaken bei einer Kollision vermindern. Die Titlis-Bergbahnen lehnten die Nachrüstung ab, mit dem Argument, dass sie freiwillig und nicht direkt mit dem Rotenflue-Unfall zusammenhängend sei. Ein schwaches Argument, da Bergbahnbetreiber alle bekannten Risiken der von ihnen genutzten Bahntypen kennen müssen. Garaventa und die Sust rechtfertigen die Freiwilligkeit des Upgrades damit, dass nach Regelwerk bei starkem Wind keine Fahrgäste mehr in den Gondeln sein sollten. Die Nachrüstung sei daher nicht für Passagiersicherheit relevant, sondern zum Schutz der Bahn selbst. Doch was laut Vorschrift verboten ist, geschieht trotzdem: Sollte das Upgrade die Gondel unter bestimmten Umständen schützen, wären dadurch auch Menschen geschützt, obwohl sie dort nicht hätten sein sollen. Ob das Upgrade bei den Windstärken auf dem Titlis geholfen hätte, bleibt ungewiss. Wichtiger ist jedoch die Zusammenarbeit statt Konfrontation: Seilbahnen sind sicher, aber keine Selbstgefälligkeit darf es geben. Betreiber, Hersteller und Behörden müssen kooperieren, um Schäden durch unerwartete Böen zu minimieren. Mehr Windmessstationen an exponierten Anlagen oder strengere Vorgaben für Personal könnten notwendig sein. Möglicherweise müssen Hersteller ihre Windanalyse verbessern und Konstruktionen ändern, um Kollisionsrisiken zu verringern. Behörden könnten Normen verschärfen. Es bedarf vieler Prüfungen und Diskussionen. Der Wind lässt sich nicht beherrschen, doch das Restrisiko kann minimiert werden.