Das Bundesarchiv in Bern verwahrt Unterlagen über den NS-Kriegsverbrecher Josef Mengele, die bis ins Jahr 2071 gesperrt sind. Der Berner Historiker Gérard Wettstein untersucht derzeit, wie sich Mythen um den berüchtigten Nazi-Arzt gebildet haben, welcher für seine Grausamkeit im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau bekannt ist. Mengele war verantwortlich für die Selektion von Häftlingen sowie für unethische medizinische Experimente mit dem Ziel der Rassenverbesserung der germanischen ‘Herrenrasse’. Nach dem Krieg fand er Unterschlupf in Europa und Südamerika, bevor er 1979 in Brasilien ertrank. Bekannt ist sein Aufenthalt in der Schweiz im Jahr 1956 für Skiferien in Engelberg sowie ein möglicher Besuch in Zürich im Jahr 1961. Wettstein will wissen, ob Mengele hier seine Zukunft planten könnte. Das Bundesarchiv verweigert Einsicht in die Unterlagen aufgrund von ‘öffentlichen Sicherheitsinteressen’ und Datenschutz, da der Nachrichtendienst des Bundes diese noch kontrolliert. Wettstein sieht das als Hindernis für historische Forschung und hat beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde eingereicht, mit möglicherweise 6000 Franken an Kosten. Er startete ein Crowdfunding zur Deckung der Ausgaben. Die Historikerin Regula Bochsler stieß während ihrer Recherchen auf das Mengele-Dossier und fand eine Kopie einer Aktenmeldung über Mengeles Aufenthalte in der Schweiz unter falschem Namen. Sie entschied sich jedoch dagegen, gegen die Sperrung zu rekurrieren. Das Bundesarchiv begründet seine Entscheidung mit gesetzlichen Bestimmungen zur Schutzfrist von 80 Jahren. Sacha Zala, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte, kritisiert den Entscheid als ‘Zensur’ und vermutet Hintergründe im internationalen Geheimdienstgefüge. Er fordert eine Einbeziehung historischer Experten bei Schutzfristen. Wettsteins Initiative hat politische Unterstützung gefunden; SP-Nationalrat Cédric Wermuth will eine Interpellation einreichen, um den Bundesrat zur Öffnung des Dossiers aufzufordern.