Der Tschad gerät zunehmend in den Einflussbereich des Konflikts im Sudan. Die kaum überwachte und weitläufige Grenze von über 1300 Kilometern ist Schauplatz steigender Gewalt, Drohnenangriffe sowie wachsender Spannungen. Mit der Aufnahme von mehr als einer Million Geflüchteten wird das ohnehin angespannte Land in humanitärer, politischer und sicherheitspolitischer Hinsicht stark belastet, erklärt die Afrika-Korrespondentin Sarah Fluck im Interview.
Sarah Fluck ist seit 2024 als Korrespondentin für Radio SRF tätig und lebt derzeit in Kampala, Uganda. Vor ihrer Anstellung bei SRF arbeitete sie freiberuflich in Ostafrika und studierte Afrikapolitik an der Londoner School of Oriental and African Studies (SOAS).
Die Grenzregion zwischen den beiden Ländern ist überlastet: Viele Flüchtlingsgebiete haben sich rapide ausgedehnt, was zu einer erhöhten Konkurrenz um Ressourcen wie Brunnen, Felder und Viehrouten führt. Ein jüngst eskalierender Streit um eine Wasserquelle endete mit mindestens 42 Toten.
Der Sudan-Krieg hat sich bis an die Grenze ausgedehnt, wobei beide Konfliktparteien Drohnen einsetzen, auch über weite Distanzen. Diese Angriffe treffen zunehmend zufällig auch tschadisches Gebiet und zivile Einwohner. Als Reaktion darauf schloss Präsident Mahamat Idriss Déby Mitte März die Grenze zum Sudan, was schwerwiegende humanitäre Konsequenzen nach sich zieht: Hilfsleistungen und Geflüchtete werden blockiert.
Die Situation für die Geflüchteten ist dramatisch. Viele sind aus Darfur geflohen und erreichen nun überfüllte Lager im Tschad, wo Wasser-, Nahrungsmittel- und medizinische Versorgung knapp sind. Unterernährtheit, Verletzungen oder Krankheiten prägen viele Ankömmlinge, während sich Infektionskrankheiten wie Masern und Meningitis ausbreiten – häufig aufgrund fehlender Impfungen im Krieg.
Die Kosten für Hilfsgüter sind stark gestiegen. Frühere Lieferwege über den Sudan sind nun unpassierbar, was längere und teurere Routen erfordert. Gleichzeitig verzögern gestörte Logistikketten – etwa durch Kriegseinfluss vom Iran – die Versorgung. Medizinische Güter bleiben häufig in Drehkreuzen wie Dubai stecken, während steigende Ölpreise Transportkosten erhöhen. Hilfsorganisationen können infolgedessen mit ihren Budgets weniger leisten.
Innenpolitisch ist der Tschad instabil. Nach dem Tod von Präsident Idriss Déby im Jahr 2021 übernahm sein Sohn Mahamat die Macht, unterstützt vom Militär, ohne den versprochenen demokratischen Übergang zu vollziehen. 2024 wurde er in umstrittenen Wahlen bestätigt. Verfassungsänderungen haben seine Amtszeit verlängert und Machtbegrenzungen aufgehoben.
Die Regierung stützt sich hauptsächlich auf das Militär und Sicherheitsapparate; ein Großteil der Ressourcen fließt in die Streitkräfte. Opposition und Zivilgesellschaft sind geschwächt, und Proteste werden oft unterdrückt. Ein neues Amnestiegesetz schützt Sicherheitspersonal weitgehend vor Strafverfolgung.
Die soziale Lage ist prekär: Arbeitslosigkeit ist hoch, staatliche Leistungen gering und Armut nimmt zu. Der Staat bleibt zwar stabil, jedoch durch Kontrolle statt breite Legitimation. Experten warnen deshalb vor einem erhöhten Risiko für innere Gewalt.
Ein instabiler Tschad könnte weitreichende Folgen für die gesamte Region haben. Als zentraler Pufferstaat zwischen dem Sudan-Konflikt im Osten und dschihadistischen Auseinandersetzungen im Sahel im Westen könnte eine Destabilisierung des Landes zu einer Verstärkung der Konflikte beitragen und die Gewalt weiter ausbreiten. Zudem wäre der Tschad weniger in der Lage, seine Grenzen zu sichern, bewaffnete Gruppen zu bekämpfen und Geflüchtete aufzunehmen.
Echo der Zeit, 29.04.2026, 18:00 Uhr; srf/flus; baus