Der US-Handelsbeauftragte Jamieson Greer hat Ende März die Nationale Handelsprognose veröffentlicht, ein Bericht mit über 500 Seiten über den internationalen Handel der USA. In diesem Bericht werden einzelne Partnerländer aufgeführt sowie bestehende Handelshemmnisse für US-Exporteure identifiziert; fünf Seiten sind dabei der Schweizer Wirtschaft gewidmet.
Hans Gersbach, Professor und Co-Direktor des Konjunkturforschungsinstituts KOF an der ETH Zürich sowie Mitglied des wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie in Deutschland, kommentierte die Vorwürfe aus den USA. Er räumt ein, dass die Aussage über unfaire Handelspraktiken der Schweiz eine Zuspitzung darstellt. Dennoch ist die Schweiz im Agrarsektor durch Zölle, Importkontingente und strenge Standards relativ geschützt, was insbesondere aus US-amerikanischer Perspektive als problematisch angesehen wird.
Gersbach bestätigt, dass nichttarifäre Handelshemmnisse ein berechtigtes Thema sind. Die Schweiz hat das Recht, ihre Schutzmaßnahmen aufrechtzuerhalten, sofern diese WTO-konform und nicht übermäßig restriktiv sind. Ein Beispiel dafür ist das Gentechnik-Moratorium in der Schweiz, welches als eindeutiges nichttarifäres Handelshemmnis gilt, jedoch innerhalb der Grenzen von WTO-Regeln verbleibt.
Die USA kritisieren zudem die sogenannte „Lex Netflix“, eine Regelung, die Streamingdienste zur Investition in das Schweizer Filmschaffen verpflichtet. Obwohl dies ein nichttarifäres Handelshemmnis darstellt, ist es kulturpolitisch begründet und weit verbreitet, was es zu keinem signifikanten Problem macht.
Mit Blick auf die laufenden umfangreichen Zoll- und Handelsverhandlungen zwischen der Schweiz und den USA sieht sich das Land einer gewissen Verwundbarkeit ausgesetzt. Insbesondere im Agrarsektor könnte Druck zur Anpassung bestehen, obwohl vergleichbare Fälle in der Vergangenheit bereits aufgetreten sind.
Das Interview führte Marco Schnurrenberger. (10vor10, 30.04.2026, 21:50 Uhr)