Umfragen legen nahe, dass die SVP-Initiative für einen Einwohnerdeckel von zehn Millionen reelle Chancen hat. Selbst das bürgerliche Zentrum zeigt zunehmend wachstumskritische Tendenzen. Was verändert die Stimmung im Land? Draußen scheint die Sonne, drinnen gibt es Wein und Brötchen bei einem Polit-Apéro der FDP Schaffhausen. Gewerbler, Angestellte und Betriebswirtschafter sind gekommen; hier ist der Freisinn noch Volkspartei. Die Liberalen diskutieren über Wachstum und Zuwanderung, da die Straßen verstopft sind und KMU kämpfen. Nadja Baumann, langjähriges FDP-Mitglied, bemängelt, dass die Parteispitze nicht erkenne, wie unzufrieden die Basis ist: Die Grenzen des Wachstums seien erreicht. Ein Tisch weiter äußert Christian Mundt, Präsident der städtischen FDP, dass die 10-Millionen-Initiative ein Zeichen dafür sei, dass es so nicht mehr weitergehen könne. Es brauche qualitatives statt quantitatives Wachstum. Die Zahl von 52 Prozent Unterstützung für die Initiative hat laut einer Tamedia-Umfrage eingeschlagen wie eine Bombe. Selbst bei freisinnigen Wählern gibt es Mehrheitliche Zustimmung. Für die FDP ist dies ein Einschnitt: Fortschritt und Wachstum waren Kern ihrer DNA. Susanne Vincenz-Stauffacher, FDP-Co-Präsidentin, versucht mit ihrem Elektroauto gegen die Initiative zu werben. Sie sieht Baukräne als Zeichen von Prosperität und betont, dass Wachstum Wohlstand und Arbeitsplätze bedeutet. Trotzdem registriert sie eine verbreitete Wachstumsmüdigkeit. Die Parteileitung versucht Zuversicht zu verbreiten, doch auch Mitte-Wähler unterstützen den Bevölkerungsdeckel mit 47 Prozent Zustimmung. Daniel Fässler von der Mitte-Partei spricht sich ebenfalls für die Initiative aus, da das aktuelle Wachstum die Gesellschaft und Infrastruktur überfordere. Der Historiker Tobias Straumann erklärt die Wachstumskritik mit dem Gewöhnungseffekt am hohen Lebensstandard. Der SVP-Präsident Marcel Dettling kritisiert den Verlust von Grünflächen und die Dominanz ausländischer Manager in der Wirtschaft. Adolf Ogi, ehemaliger Bundesrat, warnt davor, nur die negativen Folgen des Wachstums zu sehen. Heinz Tännler, Finanzdirektor von Zug, hat sich ursprünglich gegen die Initiative ausgesprochen, stimmt nun aber für sie. Er sieht im politischen Stillstand in Zuwanderungsfragen den Kipppunkt und hält ein stärkeres Wachstum für nicht mehr tragbar. Tännler betont, dass die Bevölkerung das aktuelle Wachstum als zu schnell empfindet.