Voll besetzte Stadien und die unterschiedliche Bedeutung jeder Mannschaft: Warum dieser Sport im kleinen Land eine solche Präsenz hat – und warum die Heim-WM weniger Aufsehen erregt als die Frauen-Fußball-EM 2025. In der Saison 2025/26 waren die Spiele der SCL Tigers bis zu 95 Prozent ausgelastet, obwohl sie nur auf Platz 11 rangierten. Das Gottéron-Stadion war zuletzt über 100 Mal in Folge ausverkauft, trotz fehlender Schweizer Meisterschaft seit Gründung vor fast 100 Jahren. Nach dem ersten Titelgewinn am 30. April 2026 nahmen rund 80 000 Fans an der Meisterparade in Freiburg teil. Das entscheidende Play-off-Spiel gegen Davos verfolgten auf 3+ und TV24 412 000 Menschen – ein Rekord für Liveübertragungen dieser Liga. Mitte April diskutierte das Land über die Entlassung von Nationaltrainer Patrick Fischer, dessen gescheitertes Impfzertifikat während der Covid-Zeit Fragen aufwarf. Die WM beginnt nun am Freitag in der Schweiz, ursprünglich für 2020 geplant, doch Covid unterbrach sowohl das Turnier als auch Fischers Karriere – und zeigt: Eishockey hat Bedeutung hierzulande. Wer kennt Richard Torriani, genannt „Bibi“? Er veranschaulicht, warum Eishockey in der Schweiz so wichtig ist. In „Torrianis Erben“, einem Buch von 1993 über die besten 100 Spieler des Schweizer Eishockeys bis dato, steht er auf Platz 1: Geboren 1911 in St. Moritz, Olympia-Teilnehmer und Schlüsselfigur der legendären Linie „ni“, benannt nach den Nachnamen „Bibi“ Torriani, Hans Cattini, Ferdinand Cattini. Weitere unvergessliche Trios sind die Russen Wjatscheslaw Bykow und Andrei Chomutow mit Pascal Schaller von Gottéron in den 1990er Jahren. Sie führten das Team zum ersten Meistertitel, obwohl sie im Spiel versunken waren. In Kloten bildeten Mikael Johansson, Felix Hollenstein und Roman Wäger ein Trio, das die russisch-freiburgische Leichtsinnigkeit nutzte, um viermal zwischen 1993 und 1996 zu gewinnen. Luca Cereda, Paolo Duca und Filippo Lombardi von Ambri-Piotta trennten sich im Herbst 2025 nach einer Zerstrittenheit über Nachfolgepläne. „Es ist, wie es ist“, sagte Duca bei einem Pressegespräch. Die WM hat keinen gesellschaftlichen Auftrag, weil Männer-Eishockey in der Schweiz etabliert ist: volle Stadien, stabile Fangemeinde, allgemeine Akzeptanz. Der Sport verlangt keine ideologische Verklärung. Eishockeyklubs sind tief in den Alltag integriert und prägen lokale Rhythmen – sie sind Treffpunkte, nicht bloß Events. Die SCL Tigers etwa symbolisieren einen sozialen Raum, im Gegensatz zu „Grossstadtklubs“ wie SC Bern oder ZSC Lions. Im Fussball ist der Erfolg oft von Vergleichen mit großen Nationen geprägt, während das Schweizer Eishockey erfolgreich internationale Trainer anzieht und die Champions League untergeordnet behandelt. Im Gegensatz zum globalisierten Fussball bleibt das Eishockey lokal verankert. Biografien wie jene von Julien Sprunger oder legendäre Linien zeigen den schweizerischen Charakter des Sports, der oft in Nordamerika gipfelt, wo Spieler wie Roman Josi und Nino Niederreiter ihre Karrieren fortsetzen. Die lokale Verwurzelung zeigt sich auch darin, dass Söhne von Legenden die Tradition fortführen. Eishockey schafft Bindungen ohne gesellschaftlichen Auftrag – ein Umstand, der Fischer missfiel, als er den moralischen Wert des Nationalteams übertrieb. Vielleicht könnte Eishockey noch mehr erreichen, wenn es nicht so zufrieden wirkt. Nationalsport Punkt. Doch die Frage bleibt: Was wäre möglich, wenn es versuchte, gesellschaftlich relevanter zu werden?