Auch in einer Stadt, wo die SP dominiert, können Bürgerliche erfolgreich sein. Drei Lehren aus einem ungewöhnlichen Wahlkampf.
Die nationalen FDP-Kaderseminare könnten künftig einen neuen Vortragenden haben: Stefan Fritschi aus Winterthur. Der angenehme und etwas zurückhaltende Kommunalpolitiker hat erreicht, was in Schweizer Großstädten fast unmöglich schien: Als Freisinniger gewann er die Wahl zum Stadtpräsidenten in einer Gemeinde, wo die SP die größte politische Kraft ist. In Bern, Lausanne, Luzern, St. Gallen, Biel und Zürich haben die Sozialdemokraten das Übergewicht, sodass selbst unauffällige Kandidaten wie der neue Zürcher Stadtpräsident Raphael Golta ohne Gegenkandidat gewählt wurden. In Winterthur jedoch war es anders: Dort gab es auch im zweiten Wahlgang einen demokratischen Wettbewerb. Fritschi setzte sich gegen einen starken und beliebten SP-Gegner durch, der im ersten Wahlgang mehr Stimmen erhielt.
Fritschis Erfolg war nicht der einzige freisinnige Triumph. Bei den Stadtratswahlen im März konnte die Partei einen zweiten Sitz gewinnen und damit die GLP aus der Regierung drängen. Zudem wählten Adliswil und Wädenswil neue freisinnige Chefs, sodass nun in jeder fünften Gemeinde des Kantons ein FDP-Mitglied an der Spitze steht. Im Bezirk Horgen, der das linke Zürichseeufer vom Stadtrand bis zum Kanton Schwyz umfasst, haben alle neun Gemeinden ein FDP-Präsidium.
Erfolge verzeichnete auch die SVP: Sie gewann in Wallisellen auf Kosten der SP das Stadtpräsidium und verteidigte es in Kloten. Zudem sicherte sie sich einen Stadtratssitz in Illnau-Effretikon und Sitze in elf von dreizehn Parlamentsgemeinden.
Drei wichtige Lektionen lassen sich aus den Zürcher Kommunalwahlen ziehen:
Erstens: Bürgerliche Parteien sollten sich nicht von der linksgerichteten Wahlvergangenheit Zürichs blenden lassen. Die anderen Gemeinden bewegen sich entlang einer politischen Mitte, die Chancen bietet.
Zweitens: Gemäßigte Kandidaten haben in Exekutivwahlen Erfolgschancen, da viele Wähler ebenfalls politisch zentristisch orientiert sind. Stefan Fritschi ist ein Beispiel dafür – kein Ultraliberaler, sondern jemand, der sich auch für bezahlbaren Wohnraum starkmacht.
Drittens: Mutige Kandidaturen können erfolgreich sein. Andreas Geering verteidigte den Mitte-Sitz von Michael Künzle im Stadtrat erfolgreich, trotz der Schwierigkeiten durch die kleine Parteigröße und die persönliche Beliebtheit Künzles.
Diese Lektionen sind entscheidend für die Zürcher Regierungsratswahlen im April 2027, wo zahlreiche Sitze frei werden. Bürgerlichen gelte es, wählbare Köpfe zu finden, Chancen zu nutzen und den Mut nicht zu verlieren – was in Winterthur möglich ist, könnte auch auf kantonaler Ebene funktionieren, besonders in diesen unruhigen Zeiten.